Weihnachts – Special#17

Weihnachtsgeschichten:

 

Roswithens Weihnachtswunsch

 

Die Sache begann sehr harmlos. Als ich vor Jahren einmal mit Roswithen spazierenging, fragte sie mich: “Vater, magst du gern Ziegen leiden?”
Ich kann eigentlich nicht behaupten, dass ich Ziegen überwältigend reizvoll finde. Ich antwortete also langsam und gedehnt:
“Nun jaaaa – hm – wie man`s nimmt – warum nicht?”
“Ich schrecklich gern!” seufzte Roswitha. “So kleine junge Ziegen find` ich reizend!”
Ja, wenn sie noch klein sind, sind sogar Menschen reizend.
Dachte ich, sagte ich natürlich nicht. Damit schien dieses Thema erschöpft.

Die Lektüre seiner Kinder kann man nicht sorgfältig genug überwachen. Ich hatte es daran fehlen lassen: Roswitha erwischte eine Geschichte mit einer Ziege darin. Es war “Heidi” von Johanna Spyri, eine nette Geschichte, wenn nur keine Ziege drin wäre und wenn die nicht noch obendrein “Schneehöppli” hieße. Nun hatte Roswithens Sehnsucht einen Namen: “Schneehöppli”, nun saß die Sehnsucht fest.
“Wenn ich verheiratet bin, dann kann ich doch tun, was ich will, nicht?”
Sie nahm mein Schweigen für Bejahung.
“ – und wenn ich den Ludwig heirate, denn kauf ich mir `ne Ziege, und die soll Schneehöppli heißen. Wenn ich Fritz heirate, der will drei Kinder haben; aber wenn ich Ludwig heirate, der will keine Kinder haben, denn schaff ich uns `ne Ziege an.”
Von Zeit zu Zeit rückte der Termin des Ziegenkaufes ein tüchtiges Stückchen vor.
“Wenn ich groß bin, dann kauf ich mir usw.” – “Wenn ich nicht mehr zur Schule gehe und `n ganzen Tag frei habe, dann kauf ich mir usw.”
Als einmal wieder die Weihnacht nahe war, wurde Roswitha nach ihren Wunsch gefragt.
“Mein höchster Wunsch ist ja natürlich `ne Ziege, aber – “
“Aber Liebling”, rief meine Frau, “wie sollen wir denn hier in der Stadt eine Ziege halten! Wenn wir so ein Tierchen anschaffen, muss es doch sein Recht haben! Wo sollen wir es denn unterbringen!”
“Hm”, machte Roswitha mit nachdenklichem Gesicht, “in der Küche kann sie ja nicht sein?”
“Nein”, erklärte meine Frau entschieden, “in der Küche kann sie ja nicht sein!” Dieser Versuchsballon war geplatzt.
“Das arme Tierchen würde sich gar nicht wohl fühlen bei uns”, versicherte meine Frau.

Nein, wenn es sich nicht wohl fühlte, dann ging`s nicht, das sah Roswitha ein, wenigstens für einige Monate. Unglücklicherweise musste sie dann über den Robinson geraten. Hatte Heidi eine Ziege gehabt, so hatte Robinson eine ganze Insel voll wilder Ziegen. Ich bin überzeugt, der arme Schiffbrüchige erschien Roswithen als der beneidenswerteste der Menschen, weil er in Ziegen förmlich schlampampen konnte.
Dann kaufte ich ein Haus auf dem Lande mit einem großen Garten, und dann musste ein Unglücksbengel aus dem Dorfe Roswithen eines Tages erzählen, er könne ihr eine kleine Ziege für eine Mark fünfzig verkaufen. –
Aufgelöst kam Roswitha nach Hause.
“Vater! Mutter! `ne Ziege kostet bloß eine Mark fünfzig! Ich hab` ja fünf Mark in mein`m Spartopf; darf ich sie mir holen?”
“Liebe Roswitha, es ist nicht wegen der Mark fünfzig; eine Ziege braucht doch auch einen ordentlichen Stall, und den haben wir nicht, können wir in unsern Garten auch gar nicht unterbringen.” – Damit war auch dieser Angriff abgeschlagen …

Aber eines Morgens beim Frühstück begann sie: “Vater, ich weiß was. Unten im Keller haben wir doch so `ne große Bücherkiste, nicht?” “Ja?” “Da machen wir einfach `ne Tür hinein, und denn ist das `n Ziegenstall.”
Da riss mir die Geduld. “Roswitha”, sagte ich ernst, “nun hörst du endlich auf mit deiner Ziege, nun hab ich`s satt. Du bekommst keine Ziege, und damit basta!”
Die Absage wirkte. Roswitha sprach weder von Stall noch Ziege mehr, nicht einmal andeutungsweise, nicht einmal zu den Geschwistern. Sie ging fortan still einher, aber nicht etwa traurig, nicht etwa gedrückt, nein, Roswitha schien durch ihren Verzicht gesetzter, ihre Augen, ihr ganzes Gesicht schien seelenvoller geworden zu sein.
Meine Frau und ich kamen spät in der Nacht aus fröhlicher Gesellschaft heim und wollten uns eben zur Ruhe begeben, da sahen wir auf dem Nachttischchen einen Brief liegen.
Auf dem Umschlag stand von Roswithens Hand: “An Mami und Papi”.
Wir öffneten und lasen gemeinsam:

Meine süßen geliebten Wonne-Eltern bitte bitte schenkt mir doch eine ganz kleine Ziege, ich will auch gar nichts zu meinem Geburtztag und zu Weinachten haben und ich will mir auch schrecklich Mühe in der Ortografi geben, Du sollst sehen, Mami, wenn ich groß bin, schreib ich ganz richtich, und ich will auch ein guter Mensch werden und garnicht mehr heftig und jezornig sein. Ich bitte euch so schrecklich, schenkt mir `ne Ziege, wenn Mutti mich unterichtet denk ich immer blos an die Ziege.
Tausend Billionen Küsse von eurer Roswitha.

Was soll ich weiter sagen – am nächsten Morgen bewilligten wir die Ziege.

Otto Ernst

 

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Mfg

Matthias 😀

 

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