Weihnachtsspecial#5 2018 🎄

Der Tannenbaum:

Draußen im Walde stand ein niedlicher, kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und ringsumher wuchsen viel grĂ¶ĂŸere Kameraden, sowohl Tannen als Fichten. Aber dem kleinen Tannenbaum schien nichts so wichtig wie das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kĂŒmmerte sich nicht um die Bauernkinder, die da gingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: „Wie niedlich klein ist der!“ Das mochte der Baum gar nicht hören.

Im folgenden Jahre war er ein langes Glied grĂ¶ĂŸer, und das Jahr darauf war er um noch eins lĂ€nger, denn bei den TannenbĂ€umen kann man immer an den vielen Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind. „Oh, wĂ€re ich doch so ein großer Baum wie die andern!“ seufzte das kleine BĂ€umchen. „Dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die Welt hinausblicken! Die Vögel wĂŒrden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind weht, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die andern dort!“

Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und den roten Wolken, die morgens und abends ĂŒber ihn hinsegelten. War es nun Winter und der Schnee lag ringsumher funkelnd weiß, so kam hĂ€ufig ein Hase angesprungen und setzte gerade ĂŒber den kleinen Baum weg. Oh, das war Ă€rgerlich! Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das BĂ€umchen so groß, daß der Hase um es herumlaufen mußte. „Oh, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzige Schöne in dieser Welt!“ dachte der Baum.

Im Herbst kamen immer Holzhauer und fĂ€llten einige der grĂ¶ĂŸten BĂ€ume; das geschah jedes Jahr, und dem jungen Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prĂ€chtigen BĂ€ume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die Zweige wurden abgehauen, die BĂ€ume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus. Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor?

Im FrĂŒhjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum: „Wißt ihr nicht, wohin sie gefĂŒhrt wurden? Seid ihr ihnen begegnet?“ Die Schwalben wußten nichts, aber der Storch sah nachdenkend aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: „Ja, ich glaube wohl; mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten flog; auf den Schiffen waren prĂ€chtige MastbĂ€ume; ich darf annehmen, daß sie es waren, sie hatten Tannengeruch; ich kann vielmals von ihnen grĂŒĂŸen, sie sind schön und stolz!“

„Oh, wĂ€re ich doch auch groß genug, um ĂŒber das Meer hinfahren zu können! Was ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?“
„Ja, das ist viel zu weitlĂ€ufig zu erklĂ€ren!“ sagte der Storch, und damit ging er. „Freue dich deiner Jugend!“ sagten die Sonnenstrahlen; „freue dich deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!“

Und der Wind kĂŒĂŸte den Baum, und der Tau weinte TrĂ€nen ĂŒber ihn, aber das verstand der Tannenbaum nicht.
Wenn es gegen die Weihnachtszeit war, wurden ganz junge BĂ€ume gefĂ€llt, BĂ€ume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit diesem TannenbĂ€umen waren, der weder Rast noch Ruhe hatte, sondern immer davon wollte; diese jungen BĂ€ume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie zum Walde hinaus. „Wohin sollen diese?“ fragte der Tannenbaum. „Sie sind nicht grĂ¶ĂŸer als ich, einer ist sogar viel kleiner; weswegen behalten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?“

„Das wissen wir! Das wissen wir!“ zwitscherten die Meisen. „Unten in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! Oh, sie gelangen zur grĂ¶ĂŸten Pracht und Herrlichkeit, die man sich denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und erblickt, daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen, vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug, und vielen hundert Lichtern geschmĂŒckt werden.“
„Und dann?“ fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. „Und dann? Was geschieht dann?“ „Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich schön!“
„Ob ich wohl bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?“ jubelte der Tannenbaum.

Das ist noch besser als ĂŒber das Meer zu ziehen! Wie leide ich an Sehnsucht! WĂ€re es doch Weihnachten! Nun bin ich hoch und entfaltet wie die andern, die im vorigen Jahre davongefĂŒhrt wurden! Oh, wĂ€re ich erst auf dem Wagen, wĂ€re ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit! Und dann? ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, warum wĂŒrden sie mich sonst so schmĂŒcken? Es muß noch etwas GrĂ¶ĂŸeres, Herrlicheres kommen! Aber was? Oh, ich leide, ich sehne mich, ich weiß selbst nicht, wie mir ist!“
„Freue dich unser!“ sagten die Luft und das Sonnenlicht; „freue dich deiner frischen Jugend im Freien!“

Aber er freute sich durchaus nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand er grĂŒn; dunkelgrĂŒn stand er da, die Leute, die ihn sahen, sagten: „Das ist ein schöner Baum!“ und zur Weihnachtszeit wurde er von allen zuerst gefĂ€llt.

Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden, er fĂŒhlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar nicht an irgendein GlĂŒck denken, er war betrĂŒbt, von der Heimat scheiden zu mĂŒssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wußte ja, daß er die lieben, alten Kameraden, die kleinen BĂŒsche und Blumen ringsumher nie mehr sehen werde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches. Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe mit andern BĂ€umen abgeladen wurde und einen Mann sagen hörte: „Dieser hier ist prĂ€chtig! Wir wollen nur den!“ Nun kamen zwei Diener im vollen Staat und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Ringsherum an den WĂ€nden hingen Bilder, und bei dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da waren WiegestĂŒhle, seidene Sofas, große Tische voll von BilderbĂŒchern und Spielzeug fĂŒr hundertmal hundert Taler; wenigstens sagten das die Kinder. Der Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefĂ€lltes Faß gestellt, aber niemand konnte sehen, daß es ein Faß war, denn es wurde rundherum mit grĂŒnem Zeug behĂ€ngt und stand auf einem großen, bunten Teppich. oh, wie der Baum bebte! Was wĂŒrde da wohl vorgehen? Sowohl die Diener als die FrĂ€ulein schmĂŒckten ihn. An einen Zweig hĂ€ngten sie kleine, aus farbigem Papier ausgeschnittene Netze, und jedes Netz war mit Zuckerwerk gefĂŒllt. Vergoldete Apfel und WalnĂŒsse hingen herab, als wĂ€ren sie festgewachsen, und ĂŒber hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaft wie die Menschen aussahen – der Baum hatte frĂŒher nie solche gesehen -, schwebten im GrĂŒnen, und hoch oben in der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt. Das war prĂ€chtig, ganz außerordentlich prĂ€chtig!

„Heute abend“, sagten alle, „heute abend wird er strahlen!“ und sie waren außer sich vor Freude. „Oh“ dachte der Baum, „wĂ€re es doch Abend! WĂŒrden nur die Lichter bald angezĂŒndet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl BĂ€ume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Meisen gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmĂŒckt stehen werde?“ Ja, er wußte gut Bescheid; aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind fĂŒr einen Baum ebenso schlimm wie Kopfschmerzen fĂŒr uns andere. Nun wurden die Lichter angezĂŒndet. Welcher Glanz, welche Pracht! Der Baum bebte in allen Zweigen dabei, so daß eins der Lichter das GrĂŒne anbrannte; es sengte ordentlich. „Gott bewahre uns!“ schrien die FrĂ€ulein und löschten es hastig aus. Nun durfte der Baum nicht einmal beben. Oh, das war ein Grauen!

Ihm war bange, etwas von seinem Staate zu verlieren; er war ganz betĂ€ubt von all dem Glanze. Da gingen beide FlĂŒgeltĂŒren auf, und eine Menge Kinder stĂŒrzte herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen, die Ă€lteren Leute kamen bedĂ€chtig nach; die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, daß es laut schallte; sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflĂŒckt und verteilt.

„Was machen sie?“ dachte der Baum. Was soll geschehen?“ Die Lichter brannten gerade bis auf die Zweige herunter, und je nachdem sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu plĂŒndern. Sie stĂŒrzten auf ihn zu, daß es in allen Zweigen knackte; wĂ€re er nicht mit der Spitze und mit dem Goldstern an der Decke festgemacht gewesen, so wĂ€re er umgefallen. Die Kinder tanzten mit ihrem prĂ€chtigen Spielzeug herum, niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte KindermĂ€dchen, das zwischen die Zweige blickte; aber es geschah nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen sei.

„Eine Geschichte, eine Geschichte!“ riefen die Kinder und zogen einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin, und er setzte sich gerade unter ihn, „denn so sind wir im GrĂŒnen“, sagte er, „und der Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzĂ€hle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede- Avede oder die von Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen hinunterfiel und doch erhöht wurde und die Prinzessin bekam?“

„lvede-Avede!“ schrien einige, „Klumpe-Dumpe!“ schrien andere. Das war ein Rufen! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und dachte: Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?“ Er hatte ja geleistet, was er sollte. Der Mann erzĂ€hlte von Klumpe-Dumpe, der die Treppen hinunterfiel und doch erhöht wurde und die Prinzessin bekam. Und die Kinder klatschten in die HĂ€nde und riefen: „ErzĂ€hle, erzĂ€hle!“ Sie wollten auch die Geschichte von Ivede-Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll, nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzĂ€hlt. Klumpe-Dumpe fiel die Treppen hinunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!“ dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei, weil ein so netter Mann es erzĂ€hlt hatte. „Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin!“

Und er freute sich, den nĂ€chsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und FrĂŒchten und dem Stern von Flittergold aufgeputzt zu werden. „Morgen werde ich nicht zittern!“ dachte er. ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören.“ Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.

Am Morgen kamen die Diener und das MĂ€dchen herein. „Nun beginnt der Staat aufs neue!“ dachte der Baum; aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf, auf den Boden und stellten ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien. „Was soll das bedeuten?“ dachte der Baum. „Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen?“ Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte und dachte. Und er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und NĂ€chte; niemand kam herauf, und als endlich jemand kam, so geschah es, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen; der Baum stand ganz versteckt, man mußte glauben, daß er ganz vergessen war.

„Nun ist es Winter draußen!“ dachte der Baum. Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum FrĂŒhjahr hier im Schutz stehen! Wie wohlbedacht ist das! Wie die Menschen doch so gut sind! WĂ€re es hier nur nicht so dunkel und schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch niedlich da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase vorbeisprang, ja selbst als er ĂŒber mich hinwegsprang; aber damals mochte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!“
„Piep, piep!“ sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie beschnĂŒffelten den Tannenbaum, und dann schlĂŒpften sie zwischen seine Zweige.

„Es ist eine greuliche KĂ€lte!“ sagten die kleinen MĂ€use. „Sonst ist hier gut sein; nicht wahr, du alter Tannenbaum?“
„Ich bin gar nicht alt!“ sagte der Tannenbaum; „es gibt viele, die weit Ă€lter sind denn ich!“
„Woher kommst du?“ fragten die MĂ€use, „und was weißt du?“ Sie waren gewaltig neugierig. „ErzĂ€hle uns doch von den schönsten Orten auf Erden! Bist du dort gewesen? Bist du in der Speisekammer gewesen, wo KĂ€se auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hĂ€ngen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett herauskommt?“

„Das kenne ich nicht“, sagte der Baum; „aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!“ Und dann erzĂ€hlte er alles aus seiner Jugend. Die kleinen MĂ€use hatten frĂŒher nie dergleichen gehört, sie horchten auf und sagten: „Wieviel du gesehen hast! Wie glĂŒcklich du gewesen bist!“ „Ich?“ sagte der Tannenbaum und dachte ĂŒber das, was er selbst erzĂ€hlte, nach. „Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!“ Aber dann erzĂ€hlte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Zuckerwerk und Lichtern geschmĂŒckt war. „Oh“, sagten die kleinen MĂ€use, „wie glĂŒcklich du gewesen bist, du alter Tannenbaum!“
„Ich bin gar nicht alt!“ sagte der Baum; „erst in diesem Winter bin ich aus dem Walde gekommen! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen.“

„Wie schön du erzĂ€hlst!“ sagten die kleinen MĂ€use, und in der nĂ€chsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen MĂ€usen, die den Baum erzĂ€hlen hören sollten, und je mehr er erzĂ€hlte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an alles und dachte: Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen, können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und bekam doch die Prinzessin; vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen.“ Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine, niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs; das war fĂŒr den Tannenbaum eine wirkliche, schöne Prinzessin.

„Wer ist Klumpe-Dumpe?“ fragten die kleinen MĂ€use. Da erzĂ€hlte der Tannenbaum das ganze MĂ€rchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen; die kleinen MĂ€use sprangen aus reiner Freude bis an die Spitze des Baumes. In der folgenden Nacht kamen weit mehr MĂ€use und am Sonntage sogar zwei Ratten, aber die meinten, die Geschichte sei nicht hĂŒbsch, und das betrĂŒbte die kleinen MĂ€use, denn nun hielten sie auch weniger davon. „Wissen Sie nur die eine Geschichte?“ fragten die Ratten. „Nur die eine“, antwortete der Baum; „die hörte ich an meinem glĂŒcklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glĂŒcklich ich war.“
„Das ist eine höchst jĂ€mmerliche Geschichte! Kennen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammergeschichte?“

„Nein!“ sagte der Baum.“ „Ja, dann danken wir dafĂŒr!“ erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurĂŒck.
Die kleinen MĂ€use blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: „Es war doch ganz hĂŒbsch, als sie um mich herumsaßen, die beweglichen kleinen MĂ€use, und zuhörten, wie ich erzĂ€hlte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde gerne daran denken, wenn ich wieder hervorgenommen werde.“ Aber wann geschah das? Ja, es war eines Morgens, da kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen; sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn gleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete. „Nun beginnt das Leben wieder!“ dachte der Baum; er fĂŒhlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe.

Alles ging geschwind, der Baum vergaß völlig, sich selbst zu betrachten, da war so vieles ringsumher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und alles blĂŒhte darin; die Rosen hingen frisch und duftend ĂŒber das kleine Gitter hinaus, die LindenbĂ€ume blĂŒhten, und die Schwalben flogen umher und sagten: „Quirrevirrevit, mein Mann ist kommen!“ Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten. „Nun werde ich leben!“ jubelte der und breitete seine Zweige weit aus; aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben in der Spitze und glĂ€nzte im hellen Sonnenschein. Im Hofe selbst spielten ein paar der munteren Kinder, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh ĂŒber ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riß den Goldstern ab.

„Sieh, was da noch an dem hĂ€ĂŸlichen, alten Tannenbaum sitzt!“ sagte es und trat auf die Zweige, so daß sie unter seinen Stiefeln knackten. Der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten, er betrachtete sich selbst und wĂŒnschte, daß er in seinem dunklen Winkel auf dem Boden geblieben wĂ€re; er gedachte seiner frischen Jugend im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen MĂ€use, die so munter die Geschichte von Klumpe- Dumpe angehört hatten.
„Vorbei, vorbei!“ sagte der arme Baum. „HĂ€tte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!“

Der Diener kam und hieb den Baum in kleine StĂŒcke, ein ganzes Bund lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum seufzte tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten hinein und riefen: „Piff, paff!“ Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend im Walde oder an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige MĂ€rchen, das er gehört hatte und zu erzĂ€hlen wußte – und dann war der Baum verbrannt.

Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glĂŒcklichsten Abend getragen hatte. Nun war der vorbei, und mit dem Baum war es vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei.

(Hans Christian Andersen)

Mfg

Matthias 😀🎄

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. DIE REISE EINES WEIHNACHTSBÄUMCHENS

    In einer stillen Nacht
    die Axt am Stamme kracht.
    Das BĂ€umchen schreit laut auf
    und kommt aufs Auto drauf.

    Das BĂ€umchen ist ganz matt,
    es fÀhrt nun in die Stadt.

    Dort steht es nicht allein,
    da sind noch andre groß und klein.

    Es kommt ein Mann in Hast,
    der schnell das BĂ€umchen fasst.

    Zuhause ward’s ein Spaß,
    es ward geschmĂŒckt mit Glas,
    mit Schokolade und noch mehr,
    es ward ein helles Lichtermeer.
    ___
    © PachT 1956
    ( Mein erstes Gedicht veröffentlicht im Dezember 1956
    in der Regionalzeitung “ DAS VOLK “ / Kinderseite )

    GefÀllt 2 Personen

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.