Weihnachtsspecial#10 2018 🎄

Einsam am heiligen Abend

Jedesmal wenn Weihnachten kommt, muß ich an Herrn Sörensen denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.

Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten Klasse. Er war gut, im Winter bröselte er sein ganzes FrĂŒhstĂŒcksbrot fĂŒr die hungrigen Spatzen vor dem Fenster zusammen. Und wenn im Sommer die Schwalben ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel, wie sie mit hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer betrĂŒbt.

Im StĂ€dtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein wohlhabender Mann. „Nicht wahr, Herr Sörensen hat Geld?“ fragte ich einmal meine Mutter. „Ja, man sagt’s.“ – „Ja … ich hab‘ ihn einmal weinen sehen, in der Pause, als ich mein Butterbrot holen wollte …“

Herr Sörensen ist vielleicht so betrĂŒbt, weil er so allein ist“, sagte meine Mutter. „Hat er denn keine Geschwister?“ fragte ich. „Nein – er ist ganz allein auf der Welt…“

Als dann Weihnachten da war, sandte mich meine Mutter mit WeihnachtsbĂ€ckereien zu Herrn Sörensen. Wie gut ich mich daran erinnere. Unser StubenmĂ€dchen ging mit, und wir trugen ein großes Paket, mit rosa Band gebunden, wie die Mutter stets ihre WeihnachtspĂ€ckchen schmĂŒckte.

Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß gefegt. Ich getraute mich kaum einzutreten, so rein war der weiße Boden. Das StubenmĂ€dchen ĂŒberbrachte die GrĂŒĂŸe meiner Mutter. Ich sah mich um. Ein schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen, lauter schwarzgeschnittene Profile, wie ich sie nie vorher gesehen hatte.

Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und fragte mich, ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte. „Und wo wird Ihr Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?“ – „Ich? Ich habe keinen, ich bleibe zu Hause.“

Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken an Weihnachten in diesem „Zuhause“. – In dieser Stube mit den schwarzen kleinen Bildern, den schweigenden BĂŒchern und dem alten Sofa, auf dem nie ein Mensch saß – ich fĂŒhlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen Stube, und ich schlug den Arm vors Gesicht und weinte.

Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und drĂŒckte sein Gesicht an meines. er sagte leise: „Du bist ein guter, kleiner Bub.“ Und ich drĂŒckte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend.

Als wir heimkamen, erzĂ€hlte das StubenmĂ€dchen meiner Mutter, ich hĂ€tte „gebrĂŒllt“.

Aber ich schĂŒttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich habe nicht gebrĂŒllt. Ich habe geweint. Und weißt du, ich habe deshalb geweint, weil nie jemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht einmal am Heiligen Abend…“

SpĂ€ter, als wir in eine andere Stadt zogen, verschwand Herr Sörensen aus meinem Leben. Ich hörte nie mehr etwas von ihm. Aber an jenem Tag, als ich an seiner Schulter weinte, fĂŒhlte ich, ohne es zu verstehen, zum ersten Male, daß es Menschen gibt, die einsam sind. Und daß es besonders schwer ist, allein und einsam zu sein an Weihnachten.

(Herman Bang)

Mfg

Matthias 😀🎄

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