Weihnachtsspecial #1 2019

Einen wunderschönen Sonntag wĂŒnsche ich euch! 👋😊

Heute ist es soweit, heute ist der 1. Dezember und sogleich der 1. Advent und dies bedeutet, dass es ab heute wieder mein alljĂ€hrliches Weihnachtsspecial gibt. 🙌🎄🎁🎀

Das bedeutet, dass es jetzt wieder tÀglich, 24 Tage lang eine Geschichte, ein Gedicht, Fakten, usw. gibt passend zur Adventszeit/Weihnachtszeit.

Jetzt wĂŒnsche ich allen noch einen entspannten 1. Adventsonntag und viel Freude mit der ersten Geschichte.’😊🎄🎀🌠

Weihnachtsgeschichten:

Der Tannenbaum

Autor: Hans Christian Andersen

Draußen im Walde stand ein niedlicher,
kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, Sonne konnte er
bekommen, Luft war genug da, und ringsumher wuchsen viel grĂ¶ĂŸere
Kameraden, sowohl Tannen als Fichten. Aber dem kleinen Tannenbaum schien
nichts so wichtig wie das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne
und der frischen Luft, er kĂŒmmerte sich nicht um die Bauernkinder, die
da gingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren
und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder
hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich
neben den kleinen Tannenbaum und sagten: „Wie niedlich klein ist der!“
Das mochte der Baum gar nicht hören.

Im folgenden Jahre war er
ein langes Glied grĂ¶ĂŸer, und das Jahr darauf war er um noch eins lĂ€nger,
denn bei den TannenbÀumen kann man immer an den vielen Gliedern, die
sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind. „Oh, wĂ€re ich doch
so ein großer Baum wie die andern!“ seufzte das kleine BĂ€umchen. „Dann
könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in
die Welt hinausblicken! Die Vögel wĂŒrden dann Nester zwischen meinen
Zweigen bauen, und wenn der Wind weht, könnte ich so vornehm nicken,
gerade wie die andern dort!“

Er hatte gar keine Freude am
Sonnenschein, an den Vögeln und den roten Wolken, die morgens und abends
ĂŒber ihn hinsegelten. War es nun Winter und der Schnee lag ringsumher
funkelnd weiß, so kam hĂ€ufig ein Hase angesprungen und setzte gerade
ĂŒber den kleinen Baum weg. Oh, das war Ă€rgerlich! Aber zwei Winter
vergingen, und im dritten war das BĂ€umchen so groß, daß der Hase um es
herumlaufen mußte. „Oh, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist
doch das einzige Schöne in dieser Welt!“ dachte der Baum.

Im
Herbst kamen immer Holzhauer und fĂ€llten einige der grĂ¶ĂŸten BĂ€ume; das
geschah jedes Jahr, und dem jungen Tannenbaum, der nun ganz gut
gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prĂ€chtigen BĂ€ume
fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die Zweige wurden abgehauen,
die BĂ€ume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht zu
erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie
davon, aus dem Walde hinaus. Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor?

Im
FrĂŒhjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum:
„Wißt ihr nicht, wohin sie gefĂŒhrt wurden? Seid ihr ihnen begegnet?“ Die
Schwalben wußten nichts, aber der Storch sah nachdenkend aus, nickte
mit dem Kopfe und sagte: „Ja, ich glaube wohl; mir begegneten viele neue
Schiffe, als ich aus Ägypten flog; auf den Schiffen waren prĂ€chtige
MastbĂ€ume; ich darf annehmen, daß sie es waren, sie hatten Tannengeruch;
ich kann vielmals von ihnen grĂŒĂŸen, sie sind schön und stolz!“

„Oh,
wĂ€re ich doch auch groß genug, um ĂŒber das Meer hinfahren zu können!
Was ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?“
„Ja, das
ist viel zu weitlĂ€ufig zu erklĂ€ren!“ sagte der Storch, und damit ging
er. „Freue dich deiner Jugend!“ sagten die Sonnenstrahlen; „freue dich
deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!“

Und der Wind kĂŒĂŸte den Baum, und der Tau weinte TrĂ€nen ĂŒber ihn, aber das verstand der Tannenbaum nicht.
Wenn
es gegen die Weihnachtszeit war, wurden ganz junge BÀume gefÀllt,
BĂ€ume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit diesem
TannenbÀumen waren, der weder Rast noch Ruhe hatte, sondern immer davon
wollte; diese jungen BÀume, und es waren gerade die allerschönsten,
behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und
Pferde zogen sie zum Walde hinaus. „Wohin sollen diese?“ fragte der
Tannenbaum. „Sie sind nicht grĂ¶ĂŸer als ich, einer ist sogar viel
kleiner; weswegen behalten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?“

„Das
wissen wir! Das wissen wir!“ zwitscherten die Meisen. „Unten in der
Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren!
Oh, sie gelangen zur grĂ¶ĂŸten Pracht und Herrlichkeit, die man sich
denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und erblickt, daß sie
mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen,
vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug, und vielen hundert Lichtern
geschmĂŒckt werden.“
„Und dann?“ fragte der Tannenbaum und bebte in
allen Zweigen. „Und dann? Was geschieht dann?“ „Ja, mehr haben wir nicht
gesehen! Das war unvergleichlich schön!“
„Ob ich wohl bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?“ jubelte der Tannenbaum.

Das
ist noch besser als ĂŒber das Meer zu ziehen! Wie leide ich an
Sehnsucht! WĂ€re es doch Weihnachten! Nun bin ich hoch und entfaltet wie
die andern, die im vorigen Jahre davongefĂŒhrt wurden! Oh, wĂ€re ich erst
auf dem Wagen, wÀre ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und
Herrlichkeit! Und dann? ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch
Schöneres, warum wĂŒrden sie mich sonst so schmĂŒcken? Es muß noch etwas
GrĂ¶ĂŸeres, Herrlicheres kommen! Aber was? Oh, ich leide, ich sehne mich,
ich weiß selbst nicht, wie mir ist!“
„Freue dich unser!“ sagten die Luft und das Sonnenlicht; „freue dich deiner frischen Jugend im Freien!“

Aber
er freute sich durchaus nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer
stand er grĂŒn; dunkelgrĂŒn stand er da, die Leute, die ihn sahen, sagten:
„Das ist ein schöner Baum!“ und zur Weihnachtszeit wurde er von allen
zuerst gefÀllt.

Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel
mit einem Seufzer zu Boden, er fĂŒhlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er
konnte gar nicht an irgendein GlĂŒck denken, er war betrĂŒbt, von der
Heimat scheiden zu mĂŒssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen
war; er wußte ja, daß er die lieben, alten Kameraden, die kleinen BĂŒsche
und Blumen ringsumher nie mehr sehen werde, ja vielleicht nicht einmal
die Vögel. Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches. Der Baum kam
erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe mit andern BĂ€umen abgeladen
wurde und einen Mann sagen hörte: „Dieser hier ist prĂ€chtig! Wir wollen
nur den!“ Nun kamen zwei Diener im vollen Staat und trugen den
Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Ringsherum an den WĂ€nden
hingen Bilder, und bei dem großen Kachelofen standen große chinesische
Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da waren WiegestĂŒhle, seidene Sofas,
große Tische voll von BilderbĂŒchern und Spielzeug fĂŒr hundertmal hundert
Taler; wenigstens sagten das die Kinder. Der Tannenbaum wurde in ein
großes, mit Sand gefĂ€lltes Faß gestellt, aber niemand konnte sehen, daß
es ein Faß war, denn es wurde rundherum mit grĂŒnem Zeug behĂ€ngt und
stand auf einem großen, bunten Teppich. oh, wie der Baum bebte! Was
wĂŒrde da wohl vorgehen? Sowohl die Diener als die FrĂ€ulein schmĂŒckten
ihn. An einen Zweig hÀngten sie kleine, aus farbigem Papier
ausgeschnittene Netze, und jedes Netz war mit Zuckerwerk gefĂŒllt.
Vergoldete Apfel und WalnĂŒsse hingen herab, als wĂ€ren sie festgewachsen,
und ĂŒber hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in den
Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaft wie die Menschen aussahen –
der Baum hatte frĂŒher nie solche gesehen -, schwebten im GrĂŒnen, und
hoch oben in der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt. Das
war prĂ€chtig, ganz außerordentlich prĂ€chtig!

„Heute abend“,
sagten alle, „heute abend wird er strahlen!“ und sie waren außer sich
vor Freude. „Oh“ dachte der Baum, „wĂ€re es doch Abend! WĂŒrden nur die
Lichter bald angezĂŒndet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl BĂ€ume
aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Meisen gegen die
Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer
geschmĂŒckt stehen werde?“ Ja, er wußte gut Bescheid; aber er hatte
ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen
sind fĂŒr einen Baum ebenso schlimm wie Kopfschmerzen fĂŒr uns andere. Nun
wurden die Lichter angezĂŒndet. Welcher Glanz, welche Pracht! Der Baum
bebte in allen Zweigen dabei, so daß eins der Lichter das GrĂŒne
anbrannte; es sengte ordentlich. „Gott bewahre uns!“ schrien die
FrÀulein und löschten es hastig aus. Nun durfte der Baum nicht einmal
beben. Oh, das war ein Grauen!

Ihm war bange, etwas von seinem
Staate zu verlieren; er war ganz betÀubt von all dem Glanze. Da gingen
beide FlĂŒgeltĂŒren auf, und eine Menge Kinder stĂŒrzte herein, als wollten
sie den ganzen Baum umwerfen, die Àlteren Leute kamen bedÀchtig nach;
die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten
sie wieder, daß es laut schallte; sie tanzten um den Baum herum, und
ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflĂŒckt und verteilt.

„Was
machen sie?“ dachte der Baum. Was soll geschehen?“ Die Lichter brannten
gerade bis auf die Zweige herunter, und je nachdem sie niederbrannten,
wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubnis, den
Baum zu plĂŒndern. Sie stĂŒrzten auf ihn zu, daß es in allen Zweigen
knackte; wÀre er nicht mit der Spitze und mit dem Goldstern an der Decke
festgemacht gewesen, so wÀre er umgefallen. Die Kinder tanzten mit
ihrem prÀchtigen Spielzeug herum, niemand sah nach dem Baume,
ausgenommen das alte KindermÀdchen, das zwischen die Zweige blickte;
aber es geschah nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein
Apfel vergessen sei.

„Eine Geschichte, eine Geschichte!“ riefen
die Kinder und zogen einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin, und
er setzte sich gerade unter ihn, „denn so sind wir im GrĂŒnen“, sagte er,
„und der Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich
erzÀhle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede- Avede oder die von
Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen hinunterfiel und doch erhöht wurde
und die Prinzessin bekam?“

„lvede-Avede!“ schrien einige,
„Klumpe-Dumpe!“ schrien andere. Das war ein Rufen! Nur der Tannenbaum
schwieg ganz still und dachte: Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts
dabei zu tun haben?“ Er hatte ja geleistet, was er sollte. Der Mann
erzÀhlte von Klumpe-Dumpe, der die Treppen hinunterfiel und doch erhöht
wurde und die Prinzessin bekam. Und die Kinder klatschten in die HĂ€nde
und riefen: „ErzĂ€hle, erzĂ€hle!“ Sie wollten auch die Geschichte von
Ivede-Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der
Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll, nie hatten die Vögel im
Walde dergleichen erzÀhlt. Klumpe-Dumpe fiel die Treppen hinunter und
bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!“ dachte
der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei, weil ein so netter Mann es
erzĂ€hlt hatte. „Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter
und bekomme eine Prinzessin!“

Und er freute sich, den nÀchsten
Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und FrĂŒchten und dem Stern
von Flittergold aufgeputzt zu werden. „Morgen werde ich nicht zittern!“
dachte er. ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen
werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die
von Ivede-Avede hören.“ Und der Baum stand die ganze Nacht still und
gedankenvoll.

Am Morgen kamen die Diener und das MĂ€dchen herein.
„Nun beginnt der Staat aufs neue!“ dachte der Baum; aber sie schleppten
ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf, auf den Boden und stellten ihn
in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien. „Was soll das
bedeuten?“ dachte der Baum. „Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich
hier wohl hören sollen?“ Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte und
dachte. Und er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und NĂ€chte;
niemand kam herauf, und als endlich jemand kam, so geschah es, um einige
große Kasten in den Winkel zu stellen; der Baum stand ganz versteckt,
man mußte glauben, daß er ganz vergessen war.

„Nun ist es Winter
draußen!“ dachte der Baum. Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die
Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum
FrĂŒhjahr hier im Schutz stehen! Wie wohlbedacht ist das! Wie die
Menschen doch so gut sind! WĂ€re es hier nur nicht so dunkel und
schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch niedlich
da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase vorbeisprang, ja
selbst als er ĂŒber mich hinwegsprang; aber damals mochte ich es nicht
leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!“
„Piep, piep!“
sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine
kleine. Sie beschnĂŒffelten den Tannenbaum, und dann schlĂŒpften sie
zwischen seine Zweige.

„Es ist eine greuliche KĂ€lte!“ sagten die kleinen MĂ€use. „Sonst ist hier gut sein; nicht wahr, du alter Tannenbaum?“
„Ich bin gar nicht alt!“ sagte der Tannenbaum; „es gibt viele, die weit Ă€lter sind denn ich!“
„Woher
kommst du?“ fragten die MĂ€use, „und was weißt du?“ Sie waren gewaltig
neugierig. „ErzĂ€hle uns doch von den schönsten Orten auf Erden! Bist du
dort gewesen? Bist du in der Speisekammer gewesen, wo KĂ€se auf den
Brettern liegen und Schinken unter der Decke hÀngen, wo man auf
Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett herauskommt?“

„Das
kenne ich nicht“, sagte der Baum; „aber den Wald kenne ich, wo die Sonne
scheint und die Vögel singen!“ Und dann erzĂ€hlte er alles aus seiner
Jugend. Die kleinen MĂ€use hatten frĂŒher nie dergleichen gehört, sie
horchten auf und sagten: „Wieviel du gesehen hast! Wie glĂŒcklich du
gewesen bist!“ „Ich?“ sagte der Tannenbaum und dachte ĂŒber das, was er
selbst erzĂ€hlte, nach. „Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!“
Aber dann erzÀhlte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Zuckerwerk und
Lichtern geschmĂŒckt war. „Oh“, sagten die kleinen MĂ€use, „wie glĂŒcklich
du gewesen bist, du alter Tannenbaum!“
„Ich bin gar nicht alt!“ sagte
der Baum; „erst in diesem Winter bin ich aus dem Walde gekommen! Ich
bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen.“

„Wie
schön du erzĂ€hlst!“ sagten die kleinen MĂ€use, und in der nĂ€chsten Nacht
kamen sie mit vier anderen kleinen MÀusen, die den Baum erzÀhlen hören
sollten, und je mehr er erzÀhlte, desto deutlicher erinnerte er sich
selbst an alles und dachte: Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber
sie können wiederkommen, können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die
Treppe hinunter und bekam doch die Prinzessin; vielleicht kann ich auch
eine Prinzessin bekommen.“ Und dann dachte der Tannenbaum an eine
kleine, niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs; das war fĂŒr den
Tannenbaum eine wirkliche, schöne Prinzessin.

„Wer ist
Klumpe-Dumpe?“ fragten die kleinen MĂ€use. Da erzĂ€hlte der Tannenbaum das
ganze MĂ€rchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen; die
kleinen MĂ€use sprangen aus reiner Freude bis an die Spitze des Baumes.
In der folgenden Nacht kamen weit mehr MĂ€use und am Sonntage sogar zwei
Ratten, aber die meinten, die Geschichte sei nicht hĂŒbsch, und das
betrĂŒbte die kleinen MĂ€use, denn nun hielten sie auch weniger davon.
„Wissen Sie nur die eine Geschichte?“ fragten die Ratten. „Nur die
eine“, antwortete der Baum; „die hörte ich an meinem glĂŒcklichsten
Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glĂŒcklich ich war.“
„Das ist eine höchst jĂ€mmerliche Geschichte! Kennen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammergeschichte?“

„Nein!“ sagte der Baum.“ „Ja, dann danken wir dafĂŒr!“ erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurĂŒck.
Die
kleinen MĂ€use blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: „Es
war doch ganz hĂŒbsch, als sie um mich herumsaßen, die beweglichen
kleinen MÀuse, und zuhörten, wie ich erzÀhlte! Nun ist auch das vorbei!
Aber ich werde gerne daran denken, wenn ich wieder hervorgenommen
werde.“ Aber wann geschah das? Ja, es war eines Morgens, da kamen Leute
und wirtschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum
wurde hervorgezogen; sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den
Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn gleich nach der Treppe hin, wo
der Tag leuchtete. „Nun beginnt das Leben wieder!“ dachte der Baum; er
fĂŒhlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er
draußen im Hofe.

Alles ging geschwind, der Baum vergaß völlig,
sich selbst zu betrachten, da war so vieles ringsumher zu sehen. Der Hof
stieß an einen Garten, und alles blĂŒhte darin; die Rosen hingen frisch
und duftend ĂŒber das kleine Gitter hinaus, die LindenbĂ€ume blĂŒhten, und
die Schwalben flogen umher und sagten: „Quirrevirrevit, mein Mann ist
kommen!“ Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten. „Nun werde
ich leben!“ jubelte der und breitete seine Zweige weit aus; aber ach,
die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da zwischen Unkraut und
Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben in der Spitze und
glÀnzte im hellen Sonnenschein. Im Hofe selbst spielten ein paar der
munteren Kinder, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so
froh ĂŒber ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riß den
Goldstern ab.

„Sieh, was da noch an dem hĂ€ĂŸlichen, alten
Tannenbaum sitzt!“ sagte es und trat auf die Zweige, so daß sie unter
seinen Stiefeln knackten. Der Baum sah auf all die Blumenpracht und
Frische im Garten, er betrachtete sich selbst und wĂŒnschte, daß er in
seinem dunklen Winkel auf dem Boden geblieben wÀre; er gedachte seiner
frischen Jugend im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen
MÀuse, die so munter die Geschichte von Klumpe- Dumpe angehört hatten.
„Vorbei, vorbei!“ sagte der arme Baum. „HĂ€tte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!“

Der
Diener kam und hieb den Baum in kleine StĂŒcke, ein ganzes Bund lag da;
hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum seufzte
tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen
die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer,
blickten hinein und riefen: „Piff, paff!“ Aber bei jedem Knalle, der ein
tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend im Walde oder
an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an
den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige MĂ€rchen, das er
gehört hatte und zu erzĂ€hlen wußte – und dann war der Baum verbrannt.

Die
Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der
Brust, den der Baum an seinem glĂŒcklichsten Abend getragen hatte. Nun
war der vorbei, und mit dem Baum war es vorbei und mit der Geschichte
auch; vorbei, vorbei.

Mfg

Matthias 🎄

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Dir noch einen schönen Adventsabend 😊đŸŒČ💞

    GefÀllt 1 Person

    1. Liebsten Dank 🙏😊
      WĂŒnsche auch dir noch einen schönen restlichen Adventsabend 🎄🎀🌌😊

      Liken

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