Weihnachtsspecial#10

Weihnachtsgeschichte:

Die drei Federn
Es war einmal ein König, der
hatte drei Söhne, davon waren zwei klug und gescheit, aber der dritte
sprach nicht viel, war einfältig und hieß nur der Dummling. Als der
König alt und schwach ward und an sein Ende dachte, wußte er nicht,
welcher von seinen Söhnen nach ihm das Reich erben sollte. Da sprach er
zu ihnen: „Zieht aus, und wer mir den feinsten Teppich bringt, der soll
nach meinem Tod König sein.“ Und damit es keinen Streit unter ihnen gab,
führte er sie vor sein Schloß, blies drei Federn in die Luft und
sprach: „Wie die fliegen, so sollt ihr ziehen.“ Die eine Feder flog nach
Osten, die andere nach Westen, die dritte flog aber geradeaus, und flog
nicht weit, sondern fiel bald zur Erde. Nun ging der eine Bruder
rechts, der andere ging links, und sie lachten den Dummling aus, der bei
der dritten Feder, da, wo sie niedergefallen war, bleiben mußte.

Der Dummling setzte sich nieder und war traurig. Da bemerkte er auf
einmal, daß neben der Feder eine Falltüre lag. Er hob sie in die Höhe,
fand eine Treppe und stieg hinab. Da kam er vor eine andere Türe,
klopfte an und hörte, wie es inwendig rief:

„Jungfer grün und klein,

Hutzelbein,

Hutzelbeins Hündchen,

Hutzel hin und her,

laß geschwind sehen, wer draußen wär.“

Die Türe tat sich auf, und er sah eine große dicke Itsche (Kröte) sitzen
und rings um sie eine Menge kleiner Itschen. Die dicke Itsche fragte,
was sein Begehren wäre. Er antwortete: „Ich hätte gerne den schönsten
und feinsten Teppich.“ Da rief sie eine junge und sprach:

„Jungfer grün und klein,

Hutzelbein,

Hurzelbeins Hündchen,

Hutzel hin und her,

bring mir die große Schachtel her.“

Die junge Itsche holte die Schachtel, und die dicke Itsche machte sie
auf und gab dem Dummling einen Teppich daraus, so schön und so fein, wie
oben auf der Erde keiner konnte gewebt werden. Da dankte er ihr und
stieg wieder hinauf.

Die beiden andern hatten aber ihren jüngsten Bruder für so albern
gehalten, daß sie glaubten, er würde gar nichts finden und aufbringen.
„Was sollen wir uns mit Suchen groß Mühe geben,“ sprachen sie, nahmen
dem ersten besten Schäfersweib, das ihnen begegnete, die groben Tücher
vom Leib und trugen sie dem König heim. Zu derselben Zeit kam auch der
Dummling zurück und brachte seinen schönen Teppich, und als der König
den sah, staunte er und sprach: „Wenn es dem Recht nach gehen soll, so
gehört dem jüngsten das Königreich.“ Aber die zwei andern ließen dem
Vater keine Ruhe und sprachen, unmöglich könnte der Dummling, dem es in
allen Dingen an Verstand fehlte, König werden, und baten ihn, er möchte
eine neue Bedingung machen. Da sagte der Vater: „Der soll das Reich
erben, der mir den schönsten Ring bringt,“ führte die drei

Brüder hinaus, und blies drei Federn in die Luft, denen sie

nachgehen sollten. Die zwei ältesten zogen wieder nach Osten und Westen,
und für den Dummling flog die Feder geradeaus und fiel neben der
Erdtüre nieder. Da stieg er wieder hinab zu der dicken Itsche und sagte
ihr, daß er den schönsten Ring brauchte. Sie ließ sich gleich ihre große
Schachtel holen, und gab ihm daraus einen Ring, der glänzte von
Edelsteinen und war so schön, daß ihn kein Goldschmied auf der Erde
hätte machen können. Die zwei ältesten lachten über den Dummling, der
einen goldenen Ring suchen wollte, gaben sich gar keine Mühe, sondern
schlugen einem alten Wagenring die Nägel aus und brachten ihn dem König.
Als aber der Dummling seinen goldenen Ring vorzeigte, so sprach der
Vater abermals: „Ihm gehört das Reich.“ Die zwei ältesten ließen nicht
ab, den König zu quälen, bis er noch eine dritte Bedingung machte und
den Ausspruch tat, der sollte das Reich haben, der die schönste Frau
heimbrächte. Die drei Federn blies er nochmals in die Luft, und sie
flogen wie die vorigemale.

Da ging der Dummling ohne weiteres hinab zu der dicken Itsche und
sprach: „Ich soll die schönste Frau heimbringen.“ – „Ei,“ antwortete die
Itsche, „die schönste Frau! die ist nicht gleich zur Hand, aber du
sollst sie doch haben.“ Sie gab ihm eine ausgehöhlte gelbe Rübe mit
sechs Mäuschen bespannt. Da sprach der Dummling ganz traurig: „Was soll
ich damit anfangen?“ Die Itsche antwortete: „Setze nur eine von meinen
kleinen Itschen hinein.“ Da griff er auf Geratewohl eine aus dem Kreis
und setzte sie in die gelbe Kutsche, aber kaum saß sie darin, so ward
sie zu einem wunderschönen Fräulein, die Rübe zur Kutsche, und die sechs
Mäuschen zu Pferden. Da küßte er sie, jagte mit den Pferden davon und
brachte sie zu dem König. Seine Brüder kamen nach, die hatten sich gar
keine Mühe gegeben, eine schöne Frau zu suchen, sondern die ersten
besten Bauernweiber mitgenommen. Als der König sie erblickte, sprach er:
„Dem jüngsten gehört das Reich nach meinem Tod.“ Aber die zwei ältesten
betäubten die Ohren des Königs aufs neue mit ihrem Geschrei: „Wir
könnens nicht zugeben, daß der Dummling König wird,“ und verlangten, der
sollte den Vorzug haben, dessen Frau durch einen Ring springen könnte,
der da mitten in dem Saal hing. Sie dachten: „Die Bauernweiber können
das wohl, die sind stark genug, aber das zarte Fräulein springt sich
tot.“ Der alte König gab das auch noch zu. Da sprangen die zwei
Bauernweiber, sprangen auch durch den Ring, waren aber so plump, daß sie
fielen und ihre groben Arme und Beine entzweibrachen. Darauf sprang das
schöne Fräulein, das der Dummling mitgebracht hatte, und sprang so
leicht hindurch wie ein Reh, und aller Widerspruch mußte aufhören. Also
erhielt er die Krone und hat lange in Weisheit geherrscht.

(Brüder Grimm)

Mfg

Matthias 🎄

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