Weihnachtsspecial#14 2019 ­čÄä

Frau Ursulas Bescherung

Autor: Theodor Meyer- Merian

Es war ein altmodischer Winter, drau├čen auf
Weg und Steg, Feldern und Bergen alles verschneit bis auf die schwarzen
Tannen, von denen der scharfe Wind den Schnee schon wieder
heruntergesch├╝ttelt.

Es war gerade der heilige Abend und dunkelte bereits.

Da
begannen von den Kircht├╝rmen der Stadt die Glocken den Festtag
einzul├Ąuten, eine nach der andern und dann alle zusammen, dass es
lieblich und erhebend klang und man, wenn man auch gar nicht wollte, an
die gnadenreiche Weihnacht denken musste und an das s├╝├če Christkind und
wie wunderbar der alte Segen allj├Ąhrlich wieder neu werde. Leute aus den
D├Ârfern der Umgegend waren noch auf der Stra├če, sie hatten gearbeitet
in der Stadt drin, nun eilten sie, schneller als an andern Abenden, ├╝ber
den knarrenden Schnee heimzu. Mancher davon trug noch etwas
Eingewickeltes unterm Arm, die Weihnachtsgeschenke f├╝r Weib und Kinder.
Die meisten waren schon vorbei, und aus der Dunkelheit tauchte hin und
wieder, da und dort von einem Bauernhofe oder aus einem der zerstreuten
H├Ąuslein, ein Licht auf wie ein Sternlein.

Ganz zuletzt kam noch
ein armes Weiblein, und das war die Frau Ursula, die in der Stadt um
Taglohn mit Fegen und Reinigen auf den morgenden Festtag hin
nachgeholfen hatte. Sie wohnte eine gute halbe Stunde weit weg in dem
Dorfe und hatte das lange Jahr hindurch den Weg nach der Stadt bei allem
Wetter manch liebes Mal gemessen, am fr├╝hen Morgen hin, am sp├Ąten Abend
wieder zur├╝ck. Wie m├╝hsam das war, sie f├╝hlte sich darum nicht
ungl├╝cklich, im Gegenteil – nur um so vergn├╝gter sah sie aus, wenn es
brav Bestellungen gab; verdiente doch, namentlich zur Winterzeit, ihr
Mann mit seiner Maurerarbeit gar wenig, w├Ąhrend die drei Kinder im
Winter wie im Sommer gleichen Appetit hatten, ja die K├Ąlte bei ihnen
noch zu zehren schien. – Um dieser Kinder willen, und damit die
Haushaltung im ordentlichen Gange bliebe und sie niemanden beschwerlich
fallen m├╝ssten, scheute dann Frau Ursula weder m├╝hsame, raue Arbeit noch
krumme Finger, wenn`s Stein und Bein fror.

Heute aber ging sie
nicht froh, sie lie├č den Kopf h├Ąngen. Wohl trug sie einen h├╝bschen,
wohlverdienten Batzen im Sacke heim; sogar einen lebkuchenen Reiter, ein
paar St├╝cklein Gerstenzucker, einen Bogen mit Bildern und einige kleine
rote Äpfelchen hatte sie gekauft. Alles zur Weihnachtsbescherung für
ihre Kleinen. Aber Frau Ursula hatte einen gro├čen Fehler begangen: sie
hatte zu lange jene Christb├Ąume angesehen, welche bei ihren reichen
Kunden ger├╝stet wurden und die sich beinahe beugten unter der Last von
all dem bunten Zuckerzeug, den kostbaren Spielwaren und der Menge
sonstiger Herrlichkeiten, wie man sie nur zu ersinnen vermochte.

Bis
jetzt war die arme Frau mit ihrem Lose zufrieden gewesen. Als sie aber
bei den Reichen all den Reichtum an Gaben ausgebreitet sah und an die
Freude denken musste, welche damit den Stadtkindern gleichsam im
├ťberma├če gew├Ąhrt wurde, da waren der Mutter nat├╝rlich auch die eigenen
Kinder eingefallen. Je l├Ąnger sie nun aber auf die Pracht und die F├╝lle
hinsah, umso mehr verlor sie sich darin und legte unvermerkt den Ma├čstab
davon an jene Bescherung, die sie nach Hause trug, um sie ihren Kindern
zu schenken. H├Ątten die Sch├Ątze eines K├Ânigreiches vor ihr ausgebreitet
gelegen, sie w├╝rde nicht so missgestimmt, ja neidisch darauf geworden
sein, wie sie es hier war ├╝ber diese Spielzeuge und die
Zuckerherrlichkeiten; denn nicht an sich dachte sie ja, sondern einzig
an ihre Kinder. Es tat ihr heimlich weh, dass sie zur Weihnacht mit so
├Ąrmlicher Gabe, nur mit einem Lebkuchen, ein paar schlecht gemalten
Bogen und gew├Âhnlichen ├äpfel sollten abgefunden werden, indessen eine
Menge Herrlichkeiten, die ihr Mareili, ihren Fritz und den kleinen
Xaveri in den Himmel versetzt h├Ątten, hier in der Stadt unter der
├╝brigen Masse gar nicht einmal bemerkt w├╝rden.

Mit dieser
Verstimmung im m├╝tterlichen Herzen und dem kleinen P├Ącklein d├╝rftiger
Weihnachtsherrlichkeiten im Korbe schritt Frau Ursula durch die
D├Ąmmerung ihrer ├Ąrmlichen Wohnung zu. Sie wurde fast verstimmter, als
ihre Kinder sich freudig um die Mutter dr├Ąngten und den Korb beguckten,
weil sie wohl vermuteten, das heilige Weihnachtskindlein k├Ânnte ihnen
was darin zugeschickt haben. Ihn zu ├Âffnen, wagte freilich keines, und
so blieb denn der bedeutsame Korb ruhig auf dem Schranke stehen, wohin
er gleich gestellt worden. Erst nach der Suppe, die nun gekocht und
gegessen wurde, und nachdem die Kinder in die Nebenkammer zu Bette
gegangen, schritt Frau Ursula daran, das magere, in einen alten
Gartentopf gepflanzte Tannenb├Ąumlein mit den wenigen Gaben zu beh├Ąngen:
alles an die ├Ąu├čeren ├ästlein, damit es doch ein wenig etwas vorstelle.
Als jedes hing und die zwei neuen Taschent├╝chlein, die das Mareili noch
beschert bekam, um den Fu├č des Baumes ziemlich breit hingelegt worden,
wurden zum Schluss noch etliche Kerzlein an die Zweige geklebt.
W├Ąhrend
dieser Arbeit hatte sich das fast bittere Gef├╝hl in ein mehr wehm├╝tiges
und in ein Paar feuchte Augen aufgel├Âst; dann legte sich die gute Frau
zu Bette, m├╝de an Leib und Seele, um Not und Sorgen zu verschlafen.

Als
Frau Ursula vor Mitternacht erwachte, leise aufstand und sich
ankleidete und die Kerzlein anz├╝ndete, da sah ihr Gesicht noch recht
verzagt und kleinm├╝tig aus und blickte mehr traurig als heiter auf die
Lichtlein, welche die d├╝rftige Bescherung recht sichtbar machten. Nur
die Besorgnis, die kurzen Lichtst├╝mpflein m├Âchten unn├╝tz verbrennen,
├╝berwand ein l├Ąngeres Z├Âgern und lie├č sie rasch die Kleinen wecken. –
Mareili sprang als erste aus dem Bette, war es doch schon eine Weile
wach und hatte nur nicht dergleichen getan, sondern nur verstohlen
geblinzelt. Bald war aller Schlaf aus den Äuglein gerieben und helle
Freude daf├╝r darin angez├╝ndet. – Wie sch├Ân waren doch die Lichtlein in
den grünen Zweigen! Wie appetitlich lachten die Äpfel mit ihren roten
Backen! Und dann der k├Âstliche rote und wei├če Gerstenzucker, der an den
F├Ąden dazwischen hing! Und vor allem das Hauptst├╝ck, der gro├če
Lebkuchenreiter mit vergoldetem Hut. Und dies alles vom lieben
Christkindlein gebracht!

Mareili konnte beinah den Blick nicht
mehr wenden von den zwei rotgestreiften Taschent├╝chlein und ward nicht
wenig stolz darauf, dass es die nun selber s├Ąumen solle. Fast wie die
├äpfel so rote B├Ącklein bekamen die Kinder vor lauter Eifer und Lust an
ihrer Bescherung, und in den blo├čen Hemdlein umherh├╝pfend, fragten sie
die Mutter einmal ums andere, ob das Christkind das alles hergebracht?
oder machten Plan ├╝ber Plan, was sie mit jedem St├╝cklein besonders
anfangen, wie sie es teilen wollten, und wer zuerst abbei├čen d├╝rfe an
dieser und jener S├╝├čigkeit.

Frau Ursula, die anfangs etwas
kleinlaut daneben gestanden und sich zur Heiterkeit gezwungen, um die
der andern nicht zu verderben, sah sich bald in die allgemeine Freude
hineingezogen, sie dachte des armen Gottessohnes im Stalle zu Bethlehem,
sie wusste nicht wie? Der gro├če Christbaum in der Stadt mit seiner
kostbaren Bescherung war ihr ganz aus dem Sinne gekommen, sie lachte
innerlich vergn├╝gt, und ihre Blicke gl├Ąnzten nicht anders als die der
Kleinen auch. Als s├Ąhe Ursula mit den Augen der Kinder, so gefiel ihr
nun selbst ihr B├Ąumlein, das sie doch erst so betr├╝bt angeschaut und
woran noch dieselben gew├Âhnlichen ├äpfel, die paar Zuckerst├╝cklein und
der einzige Lebkuchen hingen. Aber in dem heimlichen Schatten der gr├╝nen
Ästlein schienen noch verborgene Herrlichkeiten zu ruhen, aus den
zitternden Fl├Ąmmchen der Kerzen etwas Besonderes und Feierliches zu
strahlen, das einen eigenen Schimmer ├╝ber alles andere ausgoss und es
gleichsam verkl├Ąrte; es war wie das Leuchten des Himmels ├╝ber dem Stalle
zu Bethlehem in der ersten Christnacht.

Dieses drang auch in das
Herz der Mutter, und in ihrer unverhohlenen Freude daran nahm sie mit
ganzer Seele teil an all dem kindischen Gerede und auch an der
kindlichen Gl├╝ckseligkeit. sie sagte sich’s freilich nicht und wusste es
selbst nicht einmal klar; aber was sie inwendig versp├╝rte und was auch
ihr Herz erheiterte und durchw├Ąrmte und sie selbst wieder zum Kinde
werden lie├č, das war doch nur das Gef├╝hl, dass die Freude und der Segen
der Weihnachtsbescherung nicht von kostbarer Herrlichkeit und vielen
Geschenken abh├Ąnge, sondern auch vom d├╝rftigsten Christb├Ąumchen
unsichtbar als Hauptbescherung leuchtet, die heilige Zufriedenheit und
das k├Âstliche Bewusstsein: „Auch uns ist der Heiland geboren!“

Mfg

Matthias Ôś║´ŞĆ­čÄäÔśâ´ŞĆ

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