Weihnachtsspecial#17 2019

Weihnachtsgeschichten:

WeihnachtenFest der Besinnung von Klaus Brehme

Der Weihnachtsbaum war schon aufgestellt am
frühen Nachmittag des Heiligabends. Die Kinder sprangen lachend
um ihn herum. Zudem hatten sie Spaß dabei, die bunten,
glitzernden Kugeln wie auch die hölzernen Engel von ihrer Oma
aufzuhängen, die sie im letzten Jahr geschenkt bekamen. Die
Vorfreude war ihnen nur zu deutlich anzusehen. Hüpfen, rennen,
herumalbern, egal, Cornelia ließ sie einfach gewähren genau wie
ihr Mann Gerold, der viel zu beschäftigt war, als dass er sich
jetzt noch um Anton und dessen jüngere Schwester Ellen kümmern
könnte, die lebhaft ihrem Spieltrieb nachgingen. „Wo liegt denn
der Karton mit der Baumkrone, Conny!“ „Vor dir!“ lautete die
kurze und knappe Antwort. „Augen auf, Schatz!“ fügte sie
neckisch hinzu. Ein heiteres Grinsen kam zurück. Diese Ulkerei
war schon seit ihrem Kennenlernen vor über 25 Jahren immerzu
Connys Art, Leidenschaft auszudrücken. Sie liebte ihre Familie,
den Mann, der jetzt bitte nicht hektisch werden sollte, und die
beiden Kinder über alles, daran bestanden zu keiner Zeit
irgendwelche Zweifel. Jahrelang lebten sie allein in ihrer
Vierzimmerwohnung in Neustadt am Rübenberge, die Gerolds Vater
ihnen zur Verfügung gestellt hatte. An Kinder hatten die beiden
lange Zeit nicht mehr gedacht. Aber jetzt waren sie da, diese
süßen, kleinen Krümelmonster von sieben und neun Jahren, die
soeben beim Naschen an den noch nicht freigegebenen
Weihnachtstellern ertappt wurden. Spuren der zerbröselten Kekse
führten direkt ins Kinderzimmer, Knuspern und Schmatzen waren
ebenfalls nicht zu überhören, genauso wenig, wie Gerolds
ständige Nörgelei über eine Menschenmenge von geschätzt 200
Demonstranten, die sich ein klein wenig von ihrem Wohnhaus
entfernt am Rande der Fußgängerzone vor den großen festlich
geschmückten Warenhäusern versammelt hatten, um mit
Spruchbändern, Flugblättern und Gitarrenklängen auf den Sinn von
Weihnachten als Fest des Friedens und der Versöhnung aufmerksam
zu machen. Einige Polizisten standen um sie herum, aber alles
blieb soweit friedlich. Für ihre Ideale harrten sie bereits
stundenlang im Regen aus. Regenwetter, wie schon in den letzten
Jahren der Fall, war auch dieses Jahr zum heiligen Fest
angesagt, von weißer Weihnacht keine Spur. Diese lag noch etwas
länger zurück. Cornelia beäugte ebenfalls etwas kritisch die
Kundgebung in der Einkaufsstraße neben hastig herumlaufenden
Menschen, die noch auf den letzten Drücker Geschenke besorgten.
Die Szene stimmte sie nachdenklich. Für einige Augenblicke
kehrte Conny tief in sich, bevor sie sich wieder dem Verzieren
des Tannenbaumes widmete. Eine Kerze hier, eine rote Kugel da,
auf einmal wurde ihr schwindelig. Sie setzte sich erst mal an
den Wohnzimmertisch mit der ‚Hörzu‘ in ihrer Hand. ‚Wir wünschen
allen Lesern frohe Festtage und ein erfolgreiches Jahr 1975!‘
stand auf der Titelseite. Beim Lesen kam Conny nur wenige Zeilen
weit. Sie fühlte sich zu matt. „Liebe Leute, ich muss mich mal
kurz im Schlafzimmer hinlegen!“ verabschiedete sie sich vom Rest
der Familie. ‚Ach, einfach nur mal kurz entspannen,‘ war ihr
erster Gedanke beim Langmachen auf der Matratze. ‚Danach darf
die Arbeit für diesen besonderen Tag meinetwegen weitergehen.‘

Ein tiefer Atemzug, ein weiterer, dann fielen ihr die Augen zu.
Die Geräusche um sie herum verstummten, Stille nahm ihren Platz
ein. Es folgte ein schier endloses Dahinschweben in einem
leeren, dunklen Nichts, bar jeglichen Zeitgefühls im ewigen Raum
der Schwerelosigkeit. Plötzlich gab die sie umwobene Dunkelheit
einen Blick wie durch ein Kaleidoskop frei. Die Konturen wurden
klarer, die Farben kräftiger. Schließlich löste sich die
Finsternis vollständig auf. Conny stand auf einer blühenden
Sommerwiese unter einem blauen Firmament, umgeben von
Mischwäldern, grünen Hügeln und Seen, in denen sich die Farbe
des Himmels widerspiegelte. Dieser Ort, diese Bilder –
Erinnerungen aus vergangenen Zeiten kehrten zurück. Sie war
wieder in Ostpreußen, der Wiege ihrer Kindheit. Gefühlt musste
es schon eine Ewigkeit her sein, dennoch hatte sie nichts davon
vergessen. Dieses einzigartige Fleckchen Erde, ein
Naturparadies, idyllisch breitete es sich in alle
Himmelsrichtungen um sie herum aus. Cornelia rannte über die mit
bunten Blumen aller Art verzierte Wiese, begleitet von einer
warmen Brise, welche durch das Haar eines Mädchens von
jugendlicher Frische wehte. Manchmal hüpfte sie dabei vergnügt
herum und wand ihr Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne zu,
wie in alten Kindertagen. Direkt vor ihren Augen tauchte der
Haflinger Hengst Caballo aus dem Gestüt ihrer Großeltern auf.
Sie lief ihm zur Begrüßung entgegen, wollte ihn streicheln, doch
schien mit einem Mal die Harmonie gestört zu sein. Das Tier
wirkte irgendwie aufgebracht, es blieb auch nicht stehen wie
sonst, um sich streicheln zu lassen. Mit einem verzweifelten
Wiehern trampelte es wild und ungezügelt an dem Mädchen vorbei,
schlug einen Haken nach links und galoppierte wie vom Teufel
geritten über die Hügelkuppe davon. Was war geschehen?
Verunsichert blieb sie stehen, warf zuerst einen Blick über die
hügelige Landschaft, anschließend in den Himmel. Von der Seite
brachen graue Wolken herein und verdrängten rasch das
sommerliche Tiefblau. Ein Sturm zog auf im Garten Eden, Blätter
flogen massenhaft umher, Äste krachten, Regen setzte ein.
Cornelia rannte so schnell sie konnte, jetzt aber nicht mehr vor
Freude, sondern vor lauter Angst. Die Lage wurde derweil immer
unbarmherziger. Jetzt wurde es auch noch richtig kalt, so kalt,
dass die Regentropfen augenblicklich in der Luft
kristallisierten und als Schneeflocken herunterfielen. Ein
warmer Ofen oder Kamin musste unbedingt her. Plötzlich donnerte
es irgendwo hinter ihr in der Ferne, ein Gewitter
offensichtlich. Das Donnern wurde lauter, der Lärmpegel
steigerte sich zu einem regelrechten Dröhnen. Nun fing auch noch
die Erde an zu beben. Schreck lass nach, das war kein Gewitter,
es waren Granateinschläge, die immer näher kamen! Das total
verängstigte Mädchen wollte nur noch nach Hause zu ihrer
Familie, wo es mit Sicherheit schon erwartet wurde. Die Schritte
wurden schneller und schneller, bis Conny über der mittlerweile
hoch aufgehäuften Schneedecke keinen Bodenkontakt mehr spürte.
Sie flog förmlich durch die winterliche Landschaft, bis hinter
einem kleinen Tannenhain das so sehr herbeigesehnte Haus der
Familie auftauchte. Dort hatte man sie lieb, dort gab es Wärme
und Geborgenheit, Schutz vor dem drohenden Unheil, dass sie so
gnadenlos verfolgte.

Die ganze Familie saß bestimmt schon vor
dem muckelig warmen Kaminfeuer zusammen, dessen brennende
Holzscheite immer so schön knisterten, und feierte fröhlich
Weihnachten mit Großvaters eigens hergestelltem Honiglikör und
Großmutters lecker gebackenen Keksen. ‚O nein!‘ dachte sie
nur, als sie die Tür öffnete. Das Zimmer war komplett leer,
keine Familie, weder Kamin noch Weihnachtsbaum, gar nichts außer
kahle Wände, die Bedrohlichkeit ausstrahlten. Wo waren sie alle
geblieben? Mit einem Mal wurde es hektisch. Vater, Mutter,
Geschwister, Großeltern, alle tauchten schlagartig auf und
wirbelten ungeordnet umher. „Cornelia, beeil dich, du musst
fliehen!“ flehte ihre Mutter sie an. „Aber Mama,“ fing Conny an
zu weinen, „wieso muss ich fliehen?! Ich bin doch hier zu Hause
und außerdem ist Weihnachten!“ „Weihnachten ist längst vorbei,
du musst fliehen!“ wiederholte die Mutter eindringlich mit
panischer Stimme. Alle brausten aus dem Haus, Conny hinterher.

Draußen angekommen sah man viele Menschen auf der Straße, die
alle nur noch, so schnell es ging, laut schreiend in eine
Richtung liefen. Die ganze Stadt schien auf der Flucht zu sein.
Aber warum? Wieso spielten auf einmal alle verrückt? Cornelia
verstand die Welt nicht mehr. Sie blieb zunächst wie angewurzelt
stehen und drehte sich um. Schlagartig fing das Blut in ihren
Adern zu gefrieren an. Eine wilde Horde Soldaten kam mit
hassverzerrten Gesichtern zähnefletschend auf sie zugerannt. Der
graue Himmel über ihnen wechselte seine Farbe auf blutrot! Jetzt
nahm auch sie die Beine in die Hand und spurtete davon, am
Rathaus vorbei, wo die an der Hauswand in Röhrenhalterungen
gesteckten Fahnen just in Flammen aufgingen, der fliehenden
Masse hinterher. Überall aus den Seitenstraßen kamen Panzer auf
sie zugerollt, einer befand sich direkt hinter ihr. Und wieder
dieser tiefe Schnee, der ihr mittlerweile bis zum Bachnabel
ging. Um Himmels willen, sie war zu langsam! „Mutter, Mutter,
hilf mir!“ schrie sie todesängstlich in Richtung Menschenmenge,
die schon viel weiter vorne am Türmen war. Das Rasseln von
Metallketten drang immer lauter in ihr Trommelfell. Jeden
Augenblick würde das metallische Monster sie überrollen und
damit ihrem jungen Leben ein Ende bereiten. Die Schneemassen
waren absolut nicht mehr zu bewältigen. Cornelia versank
sprichwörtlich in ihnen, bis sie auf einmal in eine Spalte fiel
und liegen blieb. Nun war der Jäger genau über ihr und hielt an.
Das Herz schien vor lauter Angst in der Brust zu zerspringen,
nur der dröhnende Motor über ihr war noch stärker zu hören. Gab
es jetzt noch eine Möglichkeit zu entkommen? Aber wohin?!

Kurze Zeit später begann der Stahlkoloss, sich mit kreisenden
Bewegungen immer tiefer in den Schnee hineinzubohren mit dem
Ziel, sein Opfer im wahrsten Sinne des Wortes zu zerquetschen.
Connys verzweifeltes Gekreische wuchs zu einem Lärmpegel an, der
selbst das Geräusch des Kettenfahrzeugs noch übertönte, das
ihrem Rückgrat immer näher kam. Nur noch wenige Zentimeter
trennten sie von dem todbringenden Stahlmantel, als unerwartet
ein junger Soldat, kaum älter als sie selbst, mit einer
Panzerfaust dem Feind entgegentrat. „Hilf mir! Bitte!“ schrie
Conny den Mann an, der mit grimmiger Miene zum Schuss ansetzte.
Tränen strömten in ihre Augen, die Umrisse verschwammen. Weshalb
zögerte dieser Mensch eigentlich noch? „Schieß endlich!
Schieß!!“ Feuer! Ohrenbetäubend laut krachte das Projektil der
Panzerfaust mit zerberstender Gewalt in den Metallriesen hinein.
Ein greller Pfeifton belegte augenblicklich das Trommelfell, ein
Flammeninferno breitete sich langsam vor ihren durch Tränen
angeschwollenen Augen aus. Ein Mann kam schreiend wie am Spieß
aus dem Panzer geklettert und warf sich brennend in den Schnee.
Das Feuer kam jetzt von allen Seiten auf sie zu. Cornelia
brüllte ihre ganze Verzweiflung hinaus! „He Conny!“ Jemand
schüttelte von der Seite an ihrem Brustkorb, erst leicht, dann
zunehmend kräftiger. Noch immer lag sie im tiefen Schnee unter
dem tonnenschweren Kampffahrzeug, umgeben von einem wütenden
Flammenmeer. Wo blieb der junge Soldat, ihr Lebensretter?
„Conny!“ Plötzlich schob sich eine helfende Hand durch die
Feuerwand und zerrte heftig an ihr. „Liebling, wach auf!“ Die
Hand zog ihren Körper mitten durch die Flammen. Seltsamerweise
spürte sie keine Hitze, aber es wurde blendend hell, sie ertrank
förmlich im Licht.

Einen Augenblick später verschwand die Helligkeit abrupt und
Dunkelheit kehrte zurück… Cornelia schreckte mit einem lauten
Seufzer hoch, so dass sie aufrecht im Bett saß und sich völlig
verwirrt umsah. „Wo bin ich!?“ Gerold beugte sich vornüber, bis
er beide Schultern von ihr zu fassen bekam. „Schatz, du bist zu
Hause!“ Er schob sie etwas näher zu sich und streichelte sanft
über ihre Wange. „Es ist alles in Ordnung, du hast nur schlecht
geträumt!“ „Mami, Mami!“ riefen Anton und Ellen, während sie ins
Schlafzimmer gestürmt kamen.

Ihre Tochter warf sich sogleich zu Mutter aufs Bett und
kuschelte sich fest an sie heran. „Mami, was ist los, hast du
was Böses geträumt?“ „Ist schon gut, mein Schatz,“ wollte
Cornelia ihre kleine Tochter beruhigen, wobei sie
liebevoll über ihr langes blondes Haar strich. „Mama, du musst
dir jetzt mal den Weihnachtsbaum anschauen,“ meinte Anton.
„Ö…Weihnachtsbaum?“ fragte sie noch immer reichlich
desorientiert. „Ja Mami,“ meldete sich Ellen zu Wort. „Wir haben
ihn jetzt ganz toll geschmückt.“ Alle bestaunten das inzwischen
für die anstehenden Festtage dekorierte Wohnzimmer. „Können wir
nicht schon mal die Kerzen anzünden?“ bettelte Ellen, die ihre
Bescherung anscheinend kaum noch erwarten konnte. ‚Eigentlich
gar keine schlechte Idee bei der eintretenden Dämmerung,‘ dachte
Conny so für sich und warf dabei einen Blick aus dem Fenster in
Richtung Fußgängerzone. Erstaunlicherweise harrten dort immer
noch einige hartnäckige Manifestanten vor ihren Werbeständen
aus, obgleich der anhaltende Regen kein bisschen abgeklungen
war. Plötzlich kam ihr ein zündender Gedanke. Sie ging in den
Kellerraum, wo eine Menge Küchenutensilien aus alten
Familienbeständen gesammelt wurden. Gerolds Eltern brachten
früher von Zeit zu Zeit an Besuchstagen immer mal Töpfe, dann
wieder Pfannen, Geschirr, Besteck und so weiter mit, die sie von
überall her aus diversen Haushalten aufgetrieben hatten, in
denen sie nicht mehr benötigt wurden. ‚Für schlechte Zeiten,
wenn’s mal wieder Krieg gibt,‘ so die Begründung der alten
Herrschaften. Cornelia schnappte sich als erstes den
riesengroßen Suppentopf, der etliche Liter an Inhalt fasste.
Teller, Löffel, in Hülle und Fülle vorhanden, legte sie mit
hinein. Schwer beladen schleppte sie alles nach oben in die
Küche, um gleich nochmal aus dem Keller die Konserven mit
Erbsensuppe hervorzuholen.

Verwundert sah ihre Familie sie an, als der Inhalt der Büchsen
in den frisch gereinigten Topf platschten, bis er randvoll war,
viel zu viel für eine vierköpfige Familie. „Conny, wollten wir
nicht am Heiligen Abend die Ente braten, die ich kürzlich vom
Wochenmarkt mitgebracht habe?“ „Mama! Ente essen, nicht Suppe!“
jammerte die kleine Ellen ganz enttäuscht. „Kinder, die Suppe
ist auch nicht für euch! Natürlich brate ich nachher die
Weihnachtsente für uns alle. Jetzt habe ich erst Mal anderes zu
tun.“ Seinem Stirnrunzeln zufolge erwartete Gerold eine genauere
Darlegung ihres Vorhabens. „Schatz, kannst du mir mal bitte
erklären, was du da gerade machst? Willst du eine ganze Kompanie
mit der Erbsensuppe verpflegen?“ Ihr ach so typisch drolliges
Lächeln kam zurück, als sie zu ihm herübersah. „Genau das habe
ich nicht vor! Aber schau doch mal aus dem Fenster, vielleicht
fällt es dir auf?“ Gerold ging zum Küchenfenster. „Was?!“ fragte
er mit einer Stimme, aus der man schon Entsetzen herauslesen
konnte. „Du willst diese langhaarigen Hippies da hinten mit der
Suppe versorgen? Was machen die überhaupt noch um diese Zeit vor
den Geschäftsreihen? Die sollten auch mal langsam alle nach
Hause zu ihren Familien gehen, falls man sie dort überhaupt noch
empfängt!“ „Gerold, diese ‚langhaarigen Hippies‘, wie du sie zu
nennen pflegst, tun das nicht aus reinem Selbstzweck, vielmehr
sollte ihre Überzeugung uns allen ein Vorbild sein!“ Cornelias
Miene wurde ernster ohne ihren Mann damit überzeugen zu können.
„Frieden schaffen ohne Waffen! Blödes Gewäsch! Haben die
überhaupt eine Vorstellung vom wirklichen Leben?“ „Gerold, hast
du vielleicht eine Vorstellung davon, wie es dir und mir ergehen
würde, wenn unser Anton später mal an irgendeiner Front verheizt
werden sollte!“ „Ich denke, du übertreibst ein wenig…“ Sie
wurde energischer. „Ich habe das Gefühl eines Krieges damals an
Leib und Seele gespürt und mit Verlaub gesagt, ich habe eine
Vorstellung vom wirklichen Leben, weil ich es um ein Haar
verloren hätte!“ Gerold stutzte. „Schatz, so dramatisch hast du
nie davon gesprochen.“ „Alles zu seiner Zeit! So, die Suppe ist
heiß genug. Sei bitte so lieb und hol mal den Bollerwagen aus
dem Keller, damit ich den nicht auch noch schleppen muss,“
meinte sie abschließend. Ihr Mann zögerte mit bedröppeltem
Blick. „Gerold, was ist los, brauchst du vielleicht einen
Einsatzbefehl?“ fragte sie zynisch. Die Dämmerung war fast
vollendet, als Conny samt Bollerwagen, beladen mit Suppe,
Tellern und Löffeln im Regen, der sich inzwischen in einen
leichten Nieselregen verwandelt hatte, Richtung Innenstadt
aufbrach.

Auf halber Strecke warfen ihr schon einige der noch verbliebenen
Demonstranten neugierige Blicke entgegen, ein kunterbunter
Kleidermix von etwa 20 Personen, die im Lichterschein der
Geschäftsreihen zusammenstanden und eigentlich nur noch
untereinander diskutierten, da sich offensichtlich niemand
anderes mehr für ihr Anliegen interessierte. Auch die Polizei
war inzwischen wieder abgerückt. „Mensch, das ist ja vielleicht
ein Service,“ bemerkte der Erste unter ihnen, der verstand, was
auf sie zukam. Vermutlich hatte es keiner der Protestler
erwartet. Dankeslob kam von allen Seiten, während Cornelia einen
Teller nach dem anderen vollschöpfte, bis der Topf restlos leer
war. Zufriedene Gesichter, Menschen, denen es unverkennbar
schmeckte, warfen ihr freundliche Blicke zu. Ein Mann mit
langem, wehenden Haar und spitzem Bart reichte der Gönnerin
Informationsmaterial zu der weihnachtlichen Veranstaltung und
verwickelte sie in ein Gespräch. Binnen weniger Minuten war
alles verzehrt, Teller und Löffel wurden wieder ordnungsgemäß
auf den Wagen zurückgestellt. Conny war gerade im Begriff den
Heimweg anzutreten, als sie auf ein älteres Ehepaar aufmerksam
wurde, welches sich geradeswegs auf die Menge zubewegte,
Gesichter, die alles andere an Stelle von Freundlichkeit
ausstrahlten. „Ist doch unglaublich, was dieses Volk sich
herausnimmt!“ sprach der Mann zunächst noch in Richtung Gattin,
derweil er beim Näherkommen seinen Spazierstock bedrohlich durch
die Luft schwang. „Ihr Kommunisten, einsperren sollte man Euch
alle!“ Der ältere Herr blieb trotz seiner Verunglimpfungen von
den Demonstranten weitestgehend unbeachtet. „Habt ihr nichts
besseres zu tun?! Wenn ihr euch wirklich in der Politik nützlich
machen wollt, dann sorgt gefälligst dafür, das die Russen uns
die deutschen Ostgebiete zurückgeben!“ „Jawohl, tut lieber mal
was für unser Land, statt nur auf der Straße herumzulungern,“
stimmte seine Frau mit ein. „Meine Heimat ist Ostpreußen,
dorthin möchte ich gerne noch zu Lebzeiten zurückkehren können,“
fuhr der Gatte weiter fort. Den Rücken zur Straße gerichtet,
hielt Conny den Bollerwagen mit beiden Händen fest und schaute
den alten Herrn eindringlich an. „Guter Mann, ich glaube, der
Traum ist ausgeträumt!“ Sie drehte sich um und verschwand im
Schein der Straßenlaternen.

Der Entenbraten mit Kartoffeln und Rotkohl galt als
kulinarischer Höhepunkt des Heiligabends. Diese glücklichen
Kinderaugen, Gesichter, die beim Verspeisen vor Freude mit
fettigen Pausbäckchen glänzten und Zähne, die alles fein
säuberlich bis auf die Knochen abnagten, sorgten doch noch für
eine weihnachtliche Stimmung innerhalb der Familie. Danach war
es endlich soweit mit der Bescherung. Die Eltern saßen Arm in
Arm auf dem Sofa und genossen schweigend den Anblick spielender
Kinder im Kerzenschein, dessen Licht neben den bunten
Christbaumkugeln nur einen winzigen Teil des Wohnzimmers
erhellte, derweil die Stunden verrannen. Nachdem die erste
Begeisterung über die neuen Geschenke abgeflaut war, flitzten
die Kleinen zu ihren Eltern auf den Schoß. „Ich will zu Mami!“
rief Ellen als erstes und ließ sich von ihrer Mutter hochnehmen,
während Anton beim Vater Platz fand. „Sag mal, Mama…“ fing das
Mädel leise schüchtern an zu fragen. „Entschuldige, Schatz, du
musst etwas lauter reden. Du weißt ja, Mama ist auf dem linken
Ohr etwas schwerhörig, unterbrach sie die Kleine und neigte
ihren Kopf leicht nach unten. „Sag mal, Mama, wer hat denn die
viele Suppe gegessen?“ Conny drückte Ellen fest an sich und
strich ihr mit dem Finger leicht über die niedliche Stupsnase.
„Die haben Menschen bekommen, die hungrig waren,“ sprach sie mit
sanfter Stimme. „Versteh ich nicht. Wieso haben diese Menschen
denn nichts zu essen?“ fragte Ellen ganz verwundert. Cornelia
fand es an der Zeit, ihrer Familie einige Erlebnisse aus
vergangenen Zeiten zu erzählen. Sie fing mit dem Albtraum des
vergangenen Nachmittags an, trug alles so vor, wie man es
Kindern begreiflich machen konnte, von den Bildern, die ihr dort
begegnet waren, von der Flucht, wie sie tatsächlich stattfand,
und zu allerletzt beschrieb sie ihre spektakuläre Rettung durch
einen jungen Soldaten, der sich wagemutig einem russischen
Panzer entgegengestellt hatte. Geduldig hörte die ganze Familie
zu, ergriffen von alldem, was Conny erzählte. „Mami, kochst du
nächstes Jahr Weihnachten wieder Suppe für die hungrigen
Menschen?“ fragte Ellen, als Mutters Erzählungen ein Ende
gefunden hatten. „Gewiss, mein Liebes und du darfst mir gerne
dabei helfen, wenn du möchtest.“ „Au ja, dann gehen wir zusammen
dahin!“ rief die Kleine begeistert. „Jetzt ist es allerdings
Zeit zum Schlafen gehen, Kinder. Kommt, Zähne putzen und dann
husch husch ins Körbchen!“ Cornelia und Gerold blieben noch
lange Zeit im Wohnzimmer sitzen, umgeben von einem
weihnachtlichen Ambiente. Er legte zärtlich seinen Arm um sie,
als sie ihren Kopf an seiner Schulter lehnte. Die müden Augen
wollten nicht mehr offen bleiben, hatten zu viel erlebt an
diesem Tag. „Ich habe bis heute nicht gewusst, dass es so
schrecklich für dich war, Liebling!“ fing Gerold auf einmal an,
der schon länger nichts mehr gesagt hatte. „Ich habe bis heute
auch niemals davon gesprochen. Es war die ganze Zeit tief in
meinem Innern versteckt und fand keinen Zugang zu mir. Ich habe
es einfach nicht an mich herangelassen.“ Die Kerzen waren längst
ausgebrannt, als sie immer noch Arm in Arm auf dem Sofa saßen.
Es war so angenehm ruhig in dem dunklen Raum, nur noch das Licht
der Sterne fiel aus dem inzwischen aufgeklarten Nachthimmel
durch das große Wohnzimmerfenster und zeichnete eine schwache
Silhouette in Form eines Weihnachtsbaumes in die ansonsten
finstere Umgebung hinein. Stille Nacht, heilige Nacht!

Mfg

Matthias ☺️🎄☃️

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sarah sagt:

    eine schöne aber auch traurige Geschichte..Tränen beim lesen….
    liebe Grüße
    Sarah

    Gefällt 1 Person

    1. Das stimmt wirklich.
      Dankeschön und liebe Grüße zurück 😊

      Liken

  2. Nati sagt:

    Eine sehr schöne, tief gehende Geschichte die ich noch nicht kannte.

    Gefällt 1 Person

    1. Oh ja, da ist wahr.
      Habe sie auch erst zum ersten Mal entdeckt. 😅😊😃
      Liebe Grüße 😊

      Gefällt 1 Person

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