Weihnachtsspecial#18 2019

Weihnachtsgeschichten:

Als Weihnachten verboten war

von
Lilija Tenhagen
Diese
Weihnachtsgeschichte ging um die Welt. Die lettische Version ist
vor einigen Jahren zur Weihnachtszeit einmal rund um den Globus
gegangen, sie

wurde in den exil-lettischen Zeitungen in den USA, in
Kanada, in Australien und danach auch in Lettland
veröffentlicht. Im Westen der USA hat jemand ohne das Wissen der
Autorin die Erzählung ins Englische übersetzt und in einer
Gemeindezeitschrift veröffentlicht. Die deutsche Version ist zu
Weihnachten 2011 im Gemeindebrief der evangelischen
Kirchengemeinde in Gronau veröffentlicht worden. Dabei geht es
um die Zeit Ende der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre.
Damals wurde in der Sowjetunion versucht, Weihnachten
abzuschaffen und zu verbieten.

Die Autorin hat die Geschichte nun auf das Jahr 2015
aktualisiert.


In meiner Kindheit in Lettland konnten wir Weihnachten nur
heimlich feiern. Ich war ein kleines Mädchen und wusste, dass
man in der Schule nichts darüber erzählen durfte, was wir zu
Hause redeten oder taten. Wir waren Russlanddeutsche, und wir
waren Christen – das waren zwei Gründe, warum damals das Leben
in der Sowjetunion für uns nicht leicht war.

Ein
großes Problem in Bezug auf Weihnachten war es damals, einen
Weihnachtsbaum zu beschaffen. Schon das Wort „Weihnachtsbaum”
war abgeschafft worden, es gab nur Neujahrsbäume, und die konnte
man erst nach Weihnachten kaufen. Auf eigene Faust einen Baum
aus dem Wald zu holen, war verboten und stand unter Strafe,
daran erinnerten die Zeitungen jedes Jahr etwa um Mitte
Dezember. Und doch zog unser Opa jedes Jahr kurz vor Weihnachten
an einem dunklen Abend mit dem Beil in der Hand los in Richtung
Wald. Dieser war nicht weit von unserem Haus, aber trotzdem
dauerte es für mich eine halbe Ewigkeit, bis ich ihn vor der
Haustür seine Stiefel abklopfen hörte.

Dann schob er einen Tannenbaum herein, der nach Wald duftete,
nach Winter und Weite. Bevor wir ihn ins Zimmer brachten, zogen
wir die Gardinen zu, damit man ihn von draußen nicht sehen
konnte. Einen Tag musste der Baum im Zimmer trocknen, dann
holten wir vom Dachboden die Kiste mit Weihnachtssachen und
schmückten alle zusammen den Baum.

Endlich kam der 24. Dezember, der schönste Tag im ganzen Jahr.
Unsere Eltern mussten zur Arbeit, wir Kinder – zur Schule, und
doch spürten wir in allem, was wir taten, schon das große
Geheimnis und auch eine Ahnung davon, was uns der Abend noch
bescheren würde. Nach dem Abendessen zogen wir unsere
Sonntagskleider an und gingen zu einem geheimen Gottesdienst,
der bei einer anderen deutschen Familie stattfand. Dort sangen
wir viel, und nach der Predigt sagten wir Kinder unsere Gedichte
auf, die wir zu Weihnachten gelernt hatten. Jedes Kind bekam als
Geschenk ein kleines Päckchen mit Süßigkeiten, und weil wir
damals nur selten Süßes bekamen, versuchte jeder, mit dem Inhalt
seines Päckchens sparsam umzugehen, damit man sich länger daran
freuen konnte. Zum Schluss wünschten wir allen fröhliche
Weihnachten und gingen nach Hause.

Meistens hatte es zu Weihnachten geschneit. Wenn wir so durch
den Schnee stapften und die Sterne am Himmel so wunderbar
funkelten, schien es mir, dass auch dort oben Weihnachten
gefeiert wird, und dass wir die Lichter von einem unendlich
großen Weihnachtsbaum sehen. Und die Engel im Himmel, dachte
ich, die freuen sich jetzt genauso über die Geburt Jesu wie wir!
Über die ganze Welt breitete sich ein riesiges, unfassbares
Geheimnis, welches die Menschen um uns herum größtenteils nicht
bemerkten, aber wir – wir kannten es! Das war so unbegreiflich
und wunderbar!

Damals, als Jesus geboren wurde, war es doch ganz ähnlich: Die
meisten Menschen wussten nichts davon. Weder die Mächtigen und
Reichen, noch die Berühmten und Angesehenen, nicht einmal die
ganz alltäglichen Menschen erfuhren etwas davon. Nur die Hirten,
mit denen niemand etwas zu tun haban wollte, denen verkündeten
die Engel die frohe Nachricht. Auch wir gehörten in Lettland
nicht zu den Mächtigen und Reichen, auch nicht zu den Berühmten
und Angesehenen, nicht einmal zu den ganz normalen Leuten, auch
uns ging man vielfach lieber aus dem Weg. Wenn uns am Heiligen
Abend auf unserem Weg durch den Schnee plötzlich die Engel
erschienen wären wie damals den Hirten, ich hätte mich nicht
darüber gewundert, und ich hätte bestimmt von ganzem Herzen
mitgesungen! Aber ich begriff, dass die Engel uns das nicht mehr
zu verkünden brauchten, weil wir es ja schon wussten.

Zu Hause setzten wir uns um den Weihnachtsbaum, zündeten die
Kerzen an, Opa las uns nocheinmal das Weihnachtsevangelium vor,
wir sangen Lieder und sagten nochmal unsere Gedichte auf. Dann
kam der spannendste Augenblick des ganzen Abends: Das Tuch, das
unter dem Weihnachtsbaum die Geschenke bedeckte, wurde
weggezogen, und alle Geschenke lagen offen vor uns! Jeder
versuchte zu erraten, welches denn für ihn bestimmt sein könnte,
bis dann jeder, vom Kleinsten bis zum Größten, sein Geschenk
überreicht bekam. War das ein Durcheinander, ein Ah! und Oh!,
bis jeder sein Geschenk allen gezeigt hatte und auch die
Geschenke der anderen bewundert hatte. Danach wurde es
gemütlich, wir naschten Plätzchen und Süßigkeiten, die auf dem
Tisch standen und mit denen wir schon die ganze Zeit
geliebäugelt hatten. Dann fingen wir nochmal an zu singen – ein
Weihnachtslied nach dem anderen, bis dann meistens gegen
Mitternacht jemand anmahnte, dass doch morgen wieder alle früh
aufstehen mussten.

Am nächsten Tag gingen die Erwachsenen wieder zur Arbeit, wir
Kinder – zur Schule, und doch war es kein Tag wie alle anderen.
Wir fühlten uns mit allen Menschen überall auf der Welt
verbunden, die das riesige, wunderbare Geheimnis auch kannten!
Wir wussten: Wenn wir nach Hause kommen, werden wieder die
Kerzen am Baum brennen, wir werden Plätzchen essen und fröhlich
davon singen, dass Jesus für uns geboren ist. Ich war so
glücklich, dass ich dieses Geheimnis kannte!

Natürlich stellte ich mir vor, wie wunderschön es sein musste,
wenn man an Weihnachten nicht zur Schule oder zur Arbeit musste
– das wäre doch traumhaft! Vor bald 40 Jahren sind wir aus
Lettland nach Deutschland gezogen, wo Weihnachten dann für alle,
aber auch wirklich alle ein Feiertag war. Aber wenn ich ganz
ehrlich bin, dann war Weihnachten für mich nie wieder so schön,
so wunderbar und geheimnisvoll wie damals, als Weihnachten
verboten war.

Lilija Tenhagen

Münster in Westfalen, im Dezember 2015

Mfg

Matthias 🎄☃️

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