Die Montagslyriker – Juan Thomas Lauga Teil 2 Lesezeit

Einen wunderschönen Montagabend 😁☕

Die liebe Kollegin Mia von Miasraum und ich dĂŒrfen euch heute wieder herzlichst begrĂŒĂŸen zu den Montagslyrikern. 😁😁

Heute dĂŒrfen wir noch einmal einen gespannten Blick auf unseren letzten Teilnehmer Juan Thomas Lauga werfen, den heute darf er noch einmal seine Werke und seine Kunst bei uns prĂ€sentieren und vorstellen.

Darum wollen wir gar nicht lange um den heißen Brei reden und ihn direkt zu Wort kommen lassen. 😁

Nochmals einen herzlichen Applaus fĂŒr:

Juan Thomas Lauga 😊😁

Talfahrt

Der Dezember ging aufs Ende zu. Und damit auch das Jahrzehnt. Die Zwanziger standen vor der TĂŒr. Sie klopften an. Draußen schneite es seit Tagen unablĂ€ssig. Ein weißes Rauschen, dass ich nur am Rande wahrnahm. Ich saß in meiner Wohnung, die zum ersten Mal seit Monaten von mir geputzt worden war.

„Bald ist Weihnachten“, dachte ich, „Bald ist Silvester.“

Es war still in meinem Zimmer. Selbst mein Tinnitus ließ nichts von sich hören. Es war so still, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben ein GefĂŒhl fĂŒr das völlige Nichts bekam. Die Leere, die man in sich spĂŒrt, wenn man absolut tatenlos ist. Wenn das Herz aus einer jammervollen, es nicht besserwissenden, tragischen Pflicht heraus das Blut weiter durch den lethargischen Körper pumpt und sich die Lunge mechanisch und nicht wirklich lebendig mit Luft fĂŒllt und sich wieder leert. Das Hirn ist noch da, um in diesem stĂŒrmischen Nichts den KapitĂ€n zu geben. Es gibt alles auf, außer dem Maschinenraum, um, jegliche Verluste in Kauf nehmend, irgendwie diesen Sturm zu ĂŒberstehen. Schon sonderbar, so ein windstiller Sturm. Schon sonderbar, wie ich dasaß. Alles ordentlich aufgerĂ€umt. Die Stifte auf meinem Schreibtisch nach Farbe sortiert. Laptop, Karaffe, Vase, College-Block. Symmetrisch zueinander. Das Bett neu bezogen und gemacht. Die Klamotten in meiner Kommode gebĂŒgelt und gefaltet nach Hosen, Shirts, Pullovern, Socken und UnterwĂ€sche sortiert. Kein Staubkorn in den Ecken meines Zimmers. Das Bad hatte ich blank geputzt, strahlend weiß. Die KĂŒche genauso. Keine Schuhe, die im Flur verteilt rumlagen, keine KrĂŒmel auf dem Sofa im Wohnzimmer. Keine leeren Sektflaschen, keine vollen Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch. Alles steril. Alles sauber und akkurat. Ich hatte mich auf diesen Tag gefreut. Ich hatte mich mit Lena vertragen. Mit Schiffer vertragen. Hatte Mahnungen der UniversitĂ€t versteckt. Alles was daran erinnerte, dass ich studierte aus dem Sichtbereich verbannt. In Schubladen und MĂŒlleimern verstaut und weggeschmissen. Ich hatte mir ein Hemd angezogen, eine Jeans. War beim Friseur gewesen.

„Bald wĂ€re Weihnachten gewesen“, dachte ich.

Als Mensch erlebt man hĂ€ufig den Tod. Nicht den Tod seiner Mitmenschen meine ich, sondern den eigenen. Die Kindheit, die Schule, das Studium. Alles beginnt und endet, bis das Leben an sich, irgendwann und immer zu frĂŒh, endgĂŒltig endet. Jede dieser Etappen geht mit einer fundamentalen VerĂ€nderung der LebensumstĂ€nde einher, sodass man vom Tod der vorherigen Version seiner selbst sprechen kann. Die TĂ€ter sind auf den ersten Blick vielfĂ€ltig. Freunde, Frauen, ich selbst. Doch in erster Linie ist es die Zeit, die mich immer wieder aufs Neue getötet hat. GleichgĂŒltig wie sie ist. Sie tötete mich, alle paar Jahre, manchmal auch alle paar Tage und aus der Leiche stieg ein neues Ich empor. Neugeboren und voller Tatendrang, erfĂŒllt von der Überzeugung, verstanden zu haben. Und ich war dankbar dafĂŒr, hielt es fĂŒr etwas Gutes. Bis etwas passierte, das mich hinabstieß. Dieses Mal sollte ich nicht so einfach emporsteigen.

Ich saß in meinem Zimmer. Es konnte gar nicht mir gehören. Das war nicht ich, der darinsaß. Ordentlich gestriegelt und gebĂŒrstet. „Eine ordentliche Wohnung bedeutet eine ordentliche Seele“, hatte meine Großmutter immer gesagt. Eine schĂ€bige LĂŒge. Wo der Tod ist, der echte, reale Tod, da ist das Chaos. Er fegt ĂŒber einen hinweg. TrĂ€gt das Schweigen der Zeit mit sich und legt seinen Fingerknochen auf die klagenden Lippen der Hinterbliebenen. Man verstummt. Die Seele verstummt dann.

„Hinterbliebenen“, dachte ich, „Komisches Wort. Klingt ein wenig wie zurĂŒckgeblieben. Wie verlassen. Als wenn die Toten auf einer Reise in eine neue Zukunft wĂ€ren. Allein und jeder fĂŒr sich.“

Ich war nicht allein in meiner Wohnung. Etwas umgab mich. Eine PrĂ€senz, die mich verhöhnte, mich quĂ€len wollte. Ein frierender DĂ€mon, der sich die Schatten zu eigen machte an diesem siebzehnten Dezember, um seine ZĂ€hne tief in meinen Geist zu graben. Er hatte nicht die Absicht jemals wieder loszulassen. Das spĂŒrte ich. Er kroch ĂŒber den Holzboden. Schmiegte sich an die WĂ€nde und schnurrte unablĂ€ssig. Es erzeugte eine Resonanz in mir, die die Stille noch leiser machte. Ich blickte mich in meinem Zimmer um. Ich wurde wĂŒtend. Das war alles nicht echt. Das war alles nicht ich. Ich war kein Mensch, der in einer ordentlichen Wohnung wohnte. Ich war kein Mensch, der ordentlich aussah, dessen Zimmer nach Lavendel und nicht nach Alkohol und Rauch roch. Das war alles eine LĂŒge! Und wenn alles eine LĂŒge war, dann auch das, was der Kommissar zu mir gesagt hatte, der mir gegenĂŒbersaß. Dieser frierende DĂ€mon.

„Sie lĂŒgen“, sagte ich, „Sie lĂŒgen doch.“

„Herr Jupiter“, sagte der Kommissar, „Ich kann verstehen, dass das schwer zu verkraften ist.“

„Was gibt es da zu verkraften?“, fragte ich, „Eine LĂŒge muss man nicht verkraften. Man muss sie enttarnen. Als das sehen, was sie ist.“

„Hier gibt es leider nichts zu enttarnen.“

„Sie halten die Klappe. Aus ihrem Mund kommen nichts als LĂŒgen.“

„Ich nehme meinen Beruf sehr ernst.“

„Einen Scheiß nehmen sie ernst.“

Konnte es vielleicht sein, dass er sich irrte? Das hier eine Verwechslung bestand? Kein Mensch ist perfekt. Jeder macht mal einen Fehler. Wenn er nur bereit wÀre seinen Fehler einzugestehen, dann wÀre ich bereit ihm zu verzeihen. Darauf hÀtte ich mich eingelassen. Das wÀre gerecht gewesen, fand ich.

„Brauchen Sie einen Seelsorger?“, fragte der Kommissar, „Wir pflegen bei uns gute Kontakte zu einigen hervorragenden Psychologen.“

„Ich brauche keinen scheiß Seelenklempner“, antwortete ich, „Sie brauchen einen. Was fĂ€llt Ihnen ein, hier einfach so reinzumarschieren? Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass ich meine Eltern erwarte. Wir wollten gemeinsam Weihnachten feiern.“

Ich verstummte. Der Kommissar sah mich an. Er war schon etwas Ă€lter und trug eine Hornbrille. Er war nicht in Uniform gekommen, sondern in Zivil. Seine schwarzen Haare waren bereits von einigen grauen StrĂ€hnen durchsetzt. In seinem Gesicht zeigten sich erste Falten, die von einer MĂŒdigkeit zeugten, die ĂŒber den Stress einiger Jahrzehnte Polizeiarbeit hinausging. Er seufzte.

„Herr Jupiter. Sie wissen es offenbar schon selbst. Sie mĂŒssen es aber auch akzeptieren.“

Seine Stimme lag schwer in der Stille. Ob ich wollte oder nicht. Dieser Satz erdrĂŒckte mich.

„Was muss ich denn akzeptieren?“

Der Kommissar rĂŒckte seinen Stuhl zurecht und rĂ€usperte sich.

„Wie ich Ihnen eingangs bereits mitgeteilt habe, Herr Jupiter“, sagte er, „Ihre Eltern hatten einen Helikopterabsturz. Sie sind tot.“

„Verschwinden Sie!“, schrie ich, „Verschwinden Sie! Sie Bastard! Sie lĂŒgender Hurensohn! Verschwinden Sie!“

„Sie brauchen dringend Hilfe. Sonst geht es bergab mit Ihnen.“, sagte der Kommissar, stand auf und verließ meine Wohnung.

Ich verweilte noch einen Moment auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Als ich die WohnungstĂŒr dumpf zufallen hörte, stĂŒrzte ich ins Bad. Ich schaffte es noch gerade so den Toilettendeckel anzuheben, da erbrach ich. Es war nicht das Übergeben, das man von einer Lebensmittelvergiftung kennt. Wenn ein sauer riechender Schwall halbverdauten Essens aus einem herausstĂ¶ĂŸt und ins Wasser platscht. Es war ein WĂŒrgen und Schnappen. Alles, was ich herausbekam, waren Speichel und MagensĂ€ure, die mein Kinn hinunterliefen. Mein Magen zog sich zusammen, verkrampfte und verknotete sich, genauso wie meine Seele es tat. Mit vorgebeugtem RĂŒcken und auf den Knien, den Mund weit geöffnet, spie ich meine Eltern aus mir heraus. Meine Fingerknöchel traten weiß hervor, als ich mich am Rand der ToilettenschĂŒssel festklammerte. Ich wĂŒrgte, röchelte, stöhnte. Ich bezwang mich selbst. Nach eineinhalb Stunden des Kotzens, ohne wirklich erbrochen zu haben war ich zerbrochen. Ich kauerte vor der ToilettenschĂŒssel auf den Kacheln.

„Mama und Papa sind tot“, dachte ich, „Sie sind fort.“

Ich schloss meine Augen. Das weiße Licht des Badezimmers schien durch meine geschlossenen Lider hindurch, stach in meine Iris und erfĂŒllte meinen Kopf mit roter Dunkelheit. Leere. Ich selbst fĂŒhlte den kalten Boden nicht mehr. FĂŒhlte die MagensĂ€ure nicht mehr auf meinen ZĂ€hnen, fĂŒhlte keine Haare in meinem Gesicht. Ich sehnte mich nach meiner Kindheit zurĂŒck. Nach Sommerferien und Nachmittagen mit Freunden auf dem Bolzplatz. Ich sehnte mich nach kaltem Eistee, nach etlichen, unermĂŒdlichen Stunden des Fußballspielens. Mit dem Fahrrad unter der tiefstehenden Sonne durch Spielstraßen und FußgĂ€ngerzonen fahren. Verfolgungsjagd spielen. Auf Trampolinen springen und schauen wer einen Salto schaffte. Ich sehnte mich nach den GerĂŒchen meiner Kindheit. Den GerĂŒchen einer sauberen Vorstadt, in der es keine Probleme gab, außer SchĂŒrfwunden und Hausaufgaben. SpielplĂ€tze, meine Freunde und meine Mutter, die zu Hause auf mich wartete und FischstĂ€bchen mit Spinat und Pommes kochte. Meine Mutter. Mama. Manchmal, wenn ich verletzt und weinend nach Hause kam und meine Mutter mich bereits durch das KĂŒchenfenster sah, kam sie herausgestĂŒrzt. „Maxi! Warst du wieder fleißig?“, pflegte sie besorgt zu rufen. Dann nahm sie mich in die Arme. Gab mir ein Pflaster fĂŒr die Wunde und tröstete mich. Das wĂŒrde sie nie wieder tun.

Ich starb den Tod meiner Eltern. Aber anders als sie, die in einem alpinen Sturm vom Angesicht der Existenz gefegt wurden, verblieb ich. Mit einem schlagenden Herzen und bebender Lunge. Tot und lebendig. Nach diesem Ereignis umso uneinsichtiger darin bestĂ€rkt, an nichts zu denken, im Nichts zu sein und Nichts aus mir zu machen, außer einen im morbiden Luxus eines betrĂ€chtlichen Erbes versinkenden Alkoholiker. So ging das zweite Jahrzehnt meines Lebens, das zweite Jahrzehnt eines neuen Jahrtausends zu Ende und ein fĂŒrchterliches Drittes nahm seinen Anfang, noch bevor Silvesterraketen und Champagnerflaschen es begrĂŒĂŸen durften. Schreckliche Dinge wĂŒrden mir geschehen. Schreckliche Dinge wĂŒrden der Welt geschehen. Bis hierhin bin ich vielleicht blind gewesen. Taub. Aber ich war auch glĂŒcklich und umgeben von Freunden. Es gab keine Sturmwolken am Horizont, kein elektrisches Knistern in der Luft, keine Propheten, die einen kommenden Weltuntergang prophezeiten. Das Chaos ist das Chaos. Völlig gleichgĂŒltig gegenĂŒber der GleichgĂŒltigkeit.

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